Die vertraute Verführung


Von guten Vorsätzen zu sprechen, passt mitten im Sommer nicht wirklich ins Bild - das ist ja eher etwas für den Jahreswechsel. Meistens hat man um diese Zeit die vorgenommenen Ziele schon wieder verworfen - von daher passt es ja doch irgendwie. Ich habe mir schon vor Jahren abgewöhnt, gute Vorsätze für das neue Jahr zu fassen - ich wage lieber einen leichten Blick in die Zukunft, was mich so erwarten könnte (gerne dann auch mit Bleigießen). Aber zum Thema:


Die letzten Tage haben wir meine Mutter besucht, die leider nicht mehr ganz so gut zurecht ist und mir ist mal wieder aufgefallen, wie sehr sie im „Automatikmodus“ unterwegs ist. Fast der ganze Tag ist nur noch geprägt von den gleichen Abläufen, die der Körper in Zusammenarbeit mit dem Unterbewusstsein wie von selbst abspult. Das Gehirn wird bei diesen ganzen Funktionsketten so gut wie gar nicht benutzt - es beschäftigt sich dann zum Zeitvertreib mit Selbstgesprächen. Wenn man da so dabei ist, hat das wirklich was skurriles. Aktuell habe ich für mein Alter ein primäres Ziel: Es so gut wie möglich zu vermeiden, jeden Tag das gleiche zu erleben. Oh - jetzt habe ich doch einen Vorsatz gefasst ... und wenn ich darüber nachdenke: Meine Tage laufen auch jetzt schon ziemlich oft gleich ab. „Oops (I Did it again)!“


Warum fällt es eigentlich so verdammt schwer, sich zu ändern?


Ihr kennt das sicher auch: Man nimmt sich etwas vor (z.B. mehr Sport treiben, abnehmen, gesünder essen usw.) und zieht das eine kurze Zeit mit voller Intensität durch und plötzlich - man weiß gar nicht, wie es kam - läuft alles wieder wie vorher. In meinem Fall kann ich sogar sagen, dass ich sehr schnell wieder in meine alten Muster zurückfalle. Oft hält der gute Vorsatz keinen Tag. Was ist da los?


Ich glaube man unterschätzt, welche Kraft über Jahrzehnte eingeübte Verhaltensmuster haben. Unser gesamter Körper ist darauf dermaßen getrimmt, dass ein Ausbruch aus der Gewohnheit die volle Aufmerksamkeit aller Sinne benötigt - und das ist richtig anstrengend. Und wenn man sich dann endlich aufrafft, dass Vorgenommene anzugehen und mitten im ersten Veränderungsprozess steckt, fühlt sich dass zunächst sehr gut an - man ist „ein Macher“! Doch die Kraft, die uns der ganze Veränderungsprozess kostet, lässt nach mehr oder weniger kurzer Zeit nach - vor allem, wenn man sich auf etwas anderes konzentrieren muss und nicht mehr voll und ganz im hier und jetzt ist. Dann kommt sie:


Die vertraute Verführung!


Das klingt dann ungefähr so: “Nee, ich brauche jetzt einfach einen Kaffee und ein Stück Schokolade.” oder „Soll ich die Diät wirklich heute starten, nächste Woche passt es doch viel besser“ oder „Jetzt wollte ich endlich mal was neues anfangen, aber es ist ja soviel anderes zu tun, ich habe einfach keine Zeit,…“...ihr wisst, was ich meine. Das Gemeine ist, dass dies nicht nur in Gedankenform passiert, sondern dass der Körper auch direkt chemisch reagiert. Wenn zum Beispiel jeden Mittag etwas süßes gegessen wird, dann wird der Körper um die gewohnte Uhrzeit anfangen, Insulin auszuschütten - es kommt ja bald was süßes. Dadurch sinkt der Blutzucker und wir werden müde und bekommen natürlich Lust auf Süßes. Und was wäre jetzt einfacher, als sich der vertrauten Verführung hinzugeben?! Nach dem ersten Biss in die Schokolade fühlt man sich dann aber auch richtig gut, die „Wohlfühlhormone“ werden ausgeschüttet und die Welt ist einfach in Ordnung. Das schlechte Gewissen hat für diesen Moment Pause und wenn es dann kommt, ist das ganze ja schon passiert.


Das Schokoladenbeispiel kenne ich aus eigener Erfahrung - ganz nach dem Motto: „Abnehmen - kein Problem, hab ich schon mehrfach geschafft.“ Das Grundprinzip lässt sich aber auf alle ungeliebten Verhaltensweisen übertragen. Der Automationsmodus ist sehr stark und je länger man die entsprechenden Verhaltensweisen schon ausübt, desto schwieriger wird es, diese dauerhaft zu ändern. Dr. Joe Dispenza nannte das ganze „Mentale Rollstühle“. Der Geist sitzt im Rollstuhl und wird einfach durch die Gegend gekarrt, ohne bewusste Einflussmöglichkeit. Ich fand diese Beschreibung sehr schön.


Wie kommt man dagegen also an?


Ich persönlich habe die beste Erfahrung gemacht, wenn man sich vor allem Zeit für die Veränderung lässt, aber beharrlich dabei bleibt. Ich versuche mich immer sehr genau zu beobachten und zu analysieren - wirklich spannend, in welchen Momenten bzw. Situationen, mich welche „Rollstühle“ durch die Gegend fahren und mein Verstand Pause macht. Wenn man das regelmäßig erkennt, ist das schonmal der erste Schritt. Dann kann man nämlich bewusst einschreiten und etwas verändern - wenn man das regelmäßig macht, kommt man aus der „Bewusstlosigkeit“ ganz langsam raus. Wichtig ist auch, sich immer wieder vorzustellen, wie man sein möchte und das ganze zu visualisieren. Allerdings nicht nur nebenbei, während dem Autofahren oder dem Kochen oder so - nein, wirklich an dem Bild arbeiten. Keine Musik, Telefon aus und wirklich mit sich alleine sein. Ich gönne mir das aktuell eine Stunde in der Woche und das tut richtig gut. Manchmal auch öfters, aber eine Stunde dafür muss ein - die plane ich inzwischen fest ein. Ich nenne das für mich immer meinen „Leuchtturm“ - dass Bild, dass mich leitet, während ich durchs Leben schwimme. Man könnte es auch meditieren nennen.

Mir persönlich hilft es auch, mein Zeitmanagement zu optimieren. Ich falle nämlich gerne in alte Gewohnheiten zurück und rede mit dann immer ein, dass ich zu dem, was ich eigentlich machen wollte, nicht gekommen bin. Auch das ist nur eine „vertraute Verführung“. Ich plane mir neue Aktivitäten bewusst in meinen Kalender ein um die Zeit nicht einfach mit anderen Dingen zu füllen. Was meiner Erfahrung nach überhaupt nichts bringt, sind die von mir benannten


Harakiri-Veränderungen


Wie das Wort „Harakiri“ ja schon richtig den Selbstmord beschreibt, versucht man mit einem Schlag sich selbst zu töten und komplett neu zu erfinden. Der Widerstand des Körper und des Geistes sind dabei so groß (wer lässt sich schon gerne töten), dass die Chancen damit dauerhaft eine Veränderung hervorzurufen, gegen Null geht. In seltenen Fällen funktioniert das auch, aber es kostet immens viel Kraft und ist zum größten Teil zum Scheitern verurteilt. Ich glaube, dass geht nur, wenn man wirklich kurz vor einem wirklichen Tod steht. Mein Onkel z.B. war schwer Alkoholkrank und nachdem alle Ärzte ihn aufgegeben und ihm gesagt haben, dass er nur noch 6 Monate zu leben hat, hat er komplett mit dem Alkohol aufgehört. Ich habe ihn in dieser Zeit nicht gesehen, aber wenn man ihn heute trifft, ist das unglaublich. Er ist ein komplett anderer Mensch geworden und von seinem „alten ich“ ist nicht mehr viel zu erkennen - dafür hat er immer noch meinen allergrößten Respekt. Diese Willenskraft ist wirklich beeindruckend.


Wenn man aber nicht kurz vor Exodus steht und die Veränderungen etwas mehr Zeit haben, fährt man mit dem oben genannten Weg meiner Erfahrung nach deutlich besser und die Trefferquote ist wesentlich höher. Ich glaube (oder hoffe), dass man es damit auch schafft, mit fortschreitendem Alter nicht mehr und mehr in diesen Automatismus abzurutschen. Immer versuchen mal wieder etwas zu verändern und etwas neues anzugehen - das Leben IST Veränderung. Aktuell bin ich da auf einem halbwegs gutem Weg und hoffe, dass ich mir das beibehalten werde.


Bei meiner Mutter kann ich gut erkennen, wie es aussieht, wenn das Leben fast nur noch aus automatisierten Abläufen besteht. Es gibt keine positiven Emotionen mehr und es wird jeden Tag ein Stückchen grauer. Wenn dann doch mal etwas außergewöhnliches passiert (z.B. ein Besuch der Enkelkinder oder eine Einladung zu einer Familienfeier etc.), ist dass ein Erlebnis, wovon sie noch am Tag danach mit einer Freude spricht, als wäre sie in einer anderen Welt gewesen. War sie ja irgendwie auch. Leider ist auch da sehr oft die vertraute Verführung zur Stelle und es kommen schnell Ausflüchte, warum man jetzt ja doch leider nicht zur Familienfeier kommen kann etc. Im vertrauten zu bleiben ist leider immer ein Wunsch unseres Gehirns - kostet wenig Energie. Wenn man da aber beharrlich bleibt und sie dann nötigt, mitzukommen - voila.

In diesem Falle kann ich auch mal wieder behaupten, dass Eltern ein Vorbild sind. Wenn ich das so mitbekomme, möchte ich versuchen, dass in meinem Alter etwas anders zu machen - mal sehen ob es klappt. Ich werde berichten.


Bleibt gesund und wach!


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