Große Schauspielkunst


Vor ein paar Tagen begegnete ich einem alten Bekannten und das Gespräch begann, wie die meisten Gespräche beginnen:


“Hey, wie geht’s Dir? Lange nicht gesehen!”


“Hey, schön Dich mal wieder zu sehen. Mir geht es super, danke und Dir?”


“Joa, geht so - nicht gerade die beste Zeit aktuell.”


“Echt, warum? Was ist los?”


“Lust und Zeit auf einen Kaffee? Dann können wir ein bisschen reden.”


“ja, sehr gerne.”


Beim Kaffee ging es dann recht schnell ans eingemachte und ich erzählte von meiner aktuellen Situation. Ansich kann ich nicht klagen, aber ich hatte schon deutlich unbeschwertere Zeiten. Wer mir hier schon länger folgt, kennt ja die Themen: Die Kinder auf dem Weg ins Leben begleiten, um die nicht mehr so fitten Eltern kümmern, Firmen in der Krisenzeit betreuten, herausfinden was man selbst eigentlich will und vieles mehr. Darüber will ich jetzt hier auch kein großes Wort mehr verlieren - viel spannender war mein Bekannter, der ja in der Begrüßung noch beteuerte, dass alles bestens läuft und um mich besorgt war, weil ich - na ja, weil ich ehrlich war. Nach einer kurzen Gesprächszeit wusste ich dann, dass er durch die Krise seinen Job verloren hat, seine Beziehung im Eimer ist und er saß mir mit Tränen in den Augen gegenüber. Soviel zu “Mir geht es super…..”. Große Schauspielkunst gibt es nicht nur in Hollywood, nein - sie begegnet uns jeden Tag.


Das Treffen hat mich sehr berührt und ich habe über einige Gespräche der letzten Zeit nachgedacht. Bei genauerem Hinsehen ist mir schnell aufgefallen, dass fast überall nie die ganze Wahrheit gesprochen wird … selbst unter Freunden, mich natürlich eingeschlossen. Dazu fiel mir heute morgen dann spontan noch mein Gedankentransport des Tages ein:


“Das, was wir Leben nennen, ist meistens nur eine Theateraufführung. Die entscheidende Frage ist: Wie sind die Schauspieler wirklich?”


Oder besser gefragt: “Wie bin ich wirklich?”


Mit dieser Frage beschäftige ich mich schon seit Jahren und je tiefer ich in das Thema einsteige, desto verwirrter fühlt es sich an. Ist das, was ich jetzt gerade tue ein Programm, mache ich das aus freien Stücken nur für mich? Mache ich das um die Erwartungen eines anderen zu erfüllen? Am Anfang fiel es mir noch recht leicht, Programme von meinem wirklichen selbst zu unterscheiden, aber inzwischen fällt mir das wirklich schwer. Man steckt ja auch in so vielen gesellschaftlichen Rollen: Der gute Familienvater, der souveräne Geschäftsmann, der gute Ehemann - ihr kennt das sicherlich alles. Tausende dieser Rollen gibt es - natürlich für beide Geschlechter. Was ist eigentlich, wenn man mal in der Rollenbeschreibung die Adjektive tauscht? Der traurige Familienvater, der unfähige Geschäftsmann, der schlechte Ehemann….wenn ich darüber nachdenke muss ich sagen: Diese Rollen spiele ich auch. Also gehört das ja auch alles zu mir, oder muss ich dass alles überhaupt nicht sein? Familienvater, Geschäftsmann, Ehemann? Was ist denn mir MIR? Nur ich, sonst nichts? Da wird es in meinem Kopf auf einmal ganz still. Nach kurzer Zeit füllt er sich natürlich sofort wieder mit Gedanken: “Das ist doch egoistisch, Du musst Dich doch um Deine Familie, Deine Firma kümmern, usw.” Und schon stelle ich mir wieder die Frage: “Ja aber was ist denn mit MIR? Nur ich, sonst nichts? Was möchte ich genau JETZT?” Und wieder herrscht schweigen.


Ist es vielleicht mein kleines, inneres Kind, welches sich aktuell wieder öfter zu Wort meldet und mit der Schaufel voller Wut im Sandkasten auf den Sand haut? Zum Beispiel, wenn ich meine Bedürfnisse mal wieder hinten anstelle, um es den anderen Recht zu machen - um eine der entsprechenden Rollen gut zu spielen? Das macht man doch so als guter Ehemann, als souveräner Geschäftsmann. Damit dann auch die Freunde, Bekannten und Kollegen sagen: “Also der Michael, das ist so ein toller Kerl.” und Ich lächle bescheiden, während ich innerlich versuche dem Kleinen endlich die gelbe Schaufel wegzunehmen und ihn zur Ruhe zu zwingen. Fühlt sich das gut an? Auf Verstandesebene ja, aber innen drin zerreißt es mich schon öfter mal. Und gibt es am Ende des Lebens einen Oskar für die Aufführung des Lebenswerkes? Leider nein. Also warum macht man das dann eigentlich alles?


Was möchte denn der kleine Mensch in mir drin? In diesen stillen Momenten nach der “Was ist denn mit MIR? Nur ich, sonst nichts.”-Frage, kann ich langsam Kontakt mit ihm aufnehmen. Er ist verzweifelt, voller Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit und auf der Suche nach Ausgleich für die Ungerechtigkeiten, die er miterleben musste: Das weggehen des Vaters, den Verlust aller Kindesfreunde durch den Umzug in eine fremde Stadt, die Schmach der Außenseiter in der neuen Klasse zu sein und vieles, vieles mehr. Für mich lässt es sich bis jetzt auf ein einziges Wort reduzieren: Ungerechtigkeit! Und jedesmal, wenn er sich jetzt ungerecht behandelt fühlt, packt er die Schaufel aus und tobt in mir. Und damit das draussen keiner mitbekommt, spiele ich dann das gute und freundliche Theater, meine erlernte Rolle. Richtig: Große Schauspielkunst. Aber einen Oskar bekomme ich trotzdem nicht.


Natürlich sehen die Baustellen in jedem anders aus, aber ich bin mir sicher, jeder kann sie finden. Wenn ihr eine gefunden habt und die Wut, der Zorn, die Traurigkeit in euch aufsteigt: Seht zu, dass ihr für euch seid und fühlt euch mitten rein in das Gefühl. Nehmt euch die Zeit, das Gefühl zu ertragen, bis es abflacht und nehmt euren Kleinen in den Arm und fragt, was ihr ihm gutes tun könnt. Akzeptiert seine Gedanken und Bedürfnisse, denn im Grunde sind es eure - eure wahren Gedanken und Bedürfnisse, ohne das Drehbuch des Verstandes. Und in der nächsten Situation, in der euch wieder eines dieser Gefühle plötzlich heimsucht, fragt euch: “Was will ich eigentlich wirklich und welche Rolle spiele ich gerade hier?”. Glaubt mir - es beginnen spannende Zeiten, wenn ihr euch einmal auf diesen Pfad begebt. Schluss mit der Theateraufführung, einfach sein wie man ist.


Bleibt gesund und wach!


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