Wohnbedürfnisse


Der Sonntag startet heute typisch herbstlich: Grau, nass, kalt - genau die richtige Mischung für ein offenes Feuer im Kamin, eine Tasse Kaffee und eine leichte Melancholie. Die Kinder sind oben am Spielen, die Frau ist weg und ich genieße die Ruhe - halbwegs.


Im Gegensatz zu den meisten anderen Leuten, finde ich Sonntage in der Regel nicht so schön. Meine Frau ist immer am rumwuseln, die Kinder am spielen und ich weiß oft nicht so recht, wo ich mich im Haus platzieren soll. Ich bin immer wieder froh, wenn Montag ist und etwas Schwung in die Sache kommt. Liegt wahrscheinlich daran, dass ich mich hier im Haus nur bedingt „zu Hause“ fühle. Das Haus ist seit Generationen im Besitz der Familie meiner Frau und ich bin hier mehr oder weniger nur Gast. Wenn meine Frau - so wie jetzt - nicht da ist, fühle ich mich hier immer leicht unwohl. Meine Schwiegereltern wohnen nebenan und meistens ist es nur eine Frage der Zeit, bis einer der beiden bei uns in der Wohnung steht oder draußen am Fenster vorbeiläuft und reinschaut. Ich fühle mich hier immer unter leichter Beobachtung - kurzum nicht wohl.


Da meine Frau gerade dabei ist, dass Haus zu übernehmen, hatten wir gestern mal wieder ein Gespräch über die weitere Zukunft. Klar trage ich meinen Teil dazu bei: Ich habe mich um die ganzen Verträge und den Notar gekümmert und natürlich zahle ich auch einen großen Teil an meine Schwiegereltern, damit mein Schwager ausgezahlt werden kann. Das Haus wird aber meiner Frau gehören und später mal an unsere Kinder vererbt - läuft bei mir quasi so ein bisschen unter Familienvorsorge. Ich selbst merke, dass ich mich emotional mehr und mehr von der ganzen Veranstaltung hier verabschiede. Klar finde ich das Haus - alleinstehend, mit großem Grundstück - reizvoll, aber will ich das Teil wirklich haben?


Eine Freundin meiner Frau brachte uns neulich auf den Gedanken, wie das eigentlich wäre, wenn meine Frau zuerst diese Welt verlassen würde und ich dann noch hier wäre?! Mein erster Gedanke war: Auf jedenfall weg hier - hat sich auch nicht geändert. Ich möchte so ein großes Haus gar nicht haben - schon gar nicht diesen riesigen Garten. Wenn ich mal in meiner Geschichte zurückschaue, habe ich mich immer am wohlsten gefühlt, wenn ich eine kleine Bude für mich hatte. Inzwischen wäre mein Traum ein Tinyhaus oder ein Wohnwagon irgendwo im grünen - aber das Grundstück bitte nicht unter meiner gärtnerischen Verantwortung. Im Zuge dessen habe ich mich dann gefragt, wieso ich teilweise so riesige Penthouse-Wohnungen hatte und immer eine Villa wollte. Ich glaube, da ging es mehr um „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“ als um meine wirklichen Wohnbedürfnisse. Mehr und mehr wird mir klar, dass ich echt nicht viel zum glücklich sein brauche - schon gar nicht zum wohnen. Da hab ich es am Liebsten klein und fein und ... für mich allein. Also nicht, dass ich andauernd alleine sein möchte, aber ich finde es schön selbst zu bestimmen, wer wann kommen darf. Das wird hier allerdings noch sehr lange dauern, wenn es überhaupt jemals dazu kommt. Also halte ich das ganze meiner Familie zuliebe eben aus. Gott sei Dank habe ich mein Studio bzw. Büro - da bin ich Herr im eigenen Haus und habe dieses Gefühl der Ruhe und der Sicherheit. Wahrscheinlich freue ich mich deshalb so auf die Woche, da ich dann die meiste Zeit dort verbringe. Überhaupt fand ich die Zeit, in der ich bzw, wir im Studio gewohnt haben, echt am coolsten. Wirklich spannend zu beobachten, wie sich das ganze verändert: Was man will, was man nicht will, was man braucht, was man nicht braucht? So eine Bestandsaufnahme sollte man regelmäßig machen und auch alle Gedanken zulassen - da können erstaunliche Dinge zu Tage kommen. Meine Zukunftsvisionen verändern sich aktuell in eine Richtung, die ich noch vor kurzer Zeit nicht führ wahrscheinlich gehalten hätte.


So - die Kinder sind inzwischen wieder unten bei mir im Wohnzimmer und ich muss jetzt mal ein bisschen Weihnachtsdekoration basteln ... und Holz im Kamin nachlegen.


Bleibt gesund und wach!


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