Keine Lobby, keine Kekse



Die letzten Tage habe ich wieder viele Kommentare zu und Weiterleitungen von Artikeln bekommen - ich zitiere: “Genau so sieht es aus”, “Lesen und teilen”, “Endlich sagt es mal einer” usw. Es ging meistens um die armen Künstler und Kreativschaffenden, denen jetzt das Brot durch die Krise genommen wurde und denen keiner hilft. Ich habe ja auch einmal zu dieser Zunft gehört und ein bisschen gehöre ich ja immer noch dazu. Ich muss - wenn ich sowas lese - inzwischen immer etwas schmunzelt. Ist nicht böse gemeint, liebe Kollegen - ich bin gedanklich bei euch und kenne das Problem. Ich bin allerdings so lange schon dabei, dass mir das alles nicht mehr neu vorkommt und ich mir von daher ausmalen kann, wie das ausgeht: Es wird keinen interessieren.


Ich erlaube mir etwas auszuholen und schweife zurück in das Jahr 1999/2000 - da kam die erste Musiktauschbörse im Internet namens “Napster” auf. Napster war damals der absolute Geheimtipp um seine ganze musikalische Vinyl- und CD-Sammlung digital auf den Rechner zu bekommen. Das ganze war komplett kostenlos, alle Musiknerds waren vertreten und die Library schier grenzenlos. Selbst seltene Maxi-Remix-Versionen fand man dort - es war das Paradies. Die Musikindustrie, die bis dahin MP3 und Internet für vernachlässigbar gehalten hat, wurde überrannt. Das ganze gipfelte dann darin, dass die großen Majorcompanies sich einen finanziellen Wettlauf um den Kauf von Napster bieteten. Gewinner war am Schluss meines Wissens die Bertelsmann Music Group (BMG). Hätten sich damals die großen Firmen einigen können und hätten allen Napster-Usern ein Abo angeboten - die Umsätze wären astronomisch gewesen und ich glaube der Verlauf der digitalen Musikindustrie hätte einen anderen Weg genommen. Aber natürlich konnte man sich nicht einigen und damit sprengte man Napster auseinander und alle Musiknutzer, die damals fast komplett auf Napster waren, verteilten sich auf hunderte andere Download-Clienten (Emule etc.), die nicht mehr zu kontrollieren waren.


Die großen Plattenfirmen waren trotz Rekordumsätze und tonnenweise Kohle auf dem Konto nicht in der Lage, ein adäquates Internetangebot bereitzustellen. 2003 kam dann Steve Jobs von Apple mit seinem iTunes Music Store und überrannte mal wieder die völlig überraschte Musikindustrie. Damals ging der erste große Schrei der Kreativschaffenden durch die Welt. "Wie kann man die Musik nur für 0,99€ verramschen?!" Die Plattenfirmen sahen sich gezwungen Deals mit Apple zu machen und gaben Ihre gesamten Kataloge her, obwohl mit den meisten Künstlern das ganze vertraglich nicht geregelt war. Für die Firmen war das aufgrund ihrer großen Anzahl von Titeln lukrativ, nur für die einzelnen Künstler war es finanziell der erste große Kahlschlag. Aber es interessierte keinen - trotz zahlreicher Proteste diverser Autoren- und Künstlerverbände. Nach einigen Jahren hatten sich dann alle irgendwie mit der Situation arrangiert und waren froh, dass ihre Titel immerhin noch digital ganz gut verkauft wurden.


Wenig später (2005) erschien dann YouTube auf der Bildoberfläche. Rasant wurden alle Musikvideos, Fernsehserien und vieles mehr von Millionen von Usern hochgeladen und alle erfreuten sich daran. Nur die Künstler wieder nicht: “Die hören und schauen da meine Sachen an und wer bekommt die Kohle? Youtube?! Unverschämtheit!” Und wieder gab es dutzende Artikel, Proteste aller möglichen Künsterverbände usw. Ich war damals übrigens auch noch mit hitzigem Gemüt dabei - wie schon gesagt: Ich kenne das alles.

Die Gema ging damals auf YouTube los und es gab eine mediale Schlacht, bei der mir zum ersten mal klar wurde: Wir haben keine Chance! Youtube hat damals einen genialen Schachzug angewendet und alle Videos, an denen Gema-Autoren beteiligt waren, nicht abgespielt mit dem Hinweis: “Youtube kann das Video leider nicht zur Verfügung stellen, da die Gema das nicht erlaubt!”. Das war natürlich nur die halbe Wahrheit - natürlich hat die Gema das erlaubt, sie wollte nur eine Beteiligung an den Werbeeinnahmen, was Google (Eigentümer von Youtube) natürlich nicht wollte. Und auf einmal war die Gema das große Hassobjekt. Ich kann mich noch erinnern, als ich bei einer Gema-Mitgliederversammlung in Berlin war und vor dem Hotel Leute gegen uns demonstriert haben. Die Beschimpfungen waren gnadenlos, dabei wollten die Künstler doch nur ein paar cent für Ihre Arbeit, denn sie hatten schon richtig erkannt: Was genau hat YouTube eigentlich zu bieten, wenn es keine professionellen Inhalte gibt? Richtig: nichts! Das hat sich inzwischen natürlich geändert, aber damals gab es noch keine “Youtuber”, Livestreams, Video-Podcasts uvm. Groß wurde YouTube quasi als Medienarchiv von bereits produziertem Material, hat aber die Kreativen nicht daran beteiligt. Aber Google hat es geschafft, die breite Masse zu mobilisieren und da hast Du keine Chance. Ich habe das dann eingesehen und für mich beschlossen, ich nutze meine Energie lieber darauf, für mich Mittel und Wege zu finden um das ganze zu überleben - und mich nicht auf Protest und irgendwelche Vertreter der Künstler zu verlassen. Das war auch gut so. Natürlich gab es einen Deal mit der Gema und Youtube, aber der war a) Streng geheim und b) finanziell eher ein Witz. Aber wie schon gesagt: Das interessiert keinen.


Zu guter letzt kam dann 2006 noch Spotify auf den Markt. Und wer dachte, 0,99€ pro Titel wäre schon eine Frechheit gewesen, wurde mal wieder eines besseren belehrt. Und wieder gab es Proteste, Artikel und vieles mehr - aber gemacht wurde es trotzdem. Für die großen Player wieder ein sehr gutes Geschäft, erhalten sie doch durch ihre riesigen Kataloge jeden Monat richtig viel Kohle, von der sie teilweise nur sehr wenig auszahlen müssen - in den ganzen Altverträgen war sowas wie Streaming logischerweise nicht geregelt. Dagegen anzugehen haben viele Versucht, aber nur ein paar ganz große haben dann eine etwas bessere Beteiligung bekommen - der Rest hat in die Röhre geschaut.


Nach diesen Beispielen komme ich zur aktuellen Zeit: Und wieder geht das Geschrei los, dass uns keiner Hilft und auf der anderen Seite sagen die Leute: “Was wollen denn die ollen Künstler, die sollen mal was ordentliches arbeiten und nicht jammern.” Kenn ich alles zu genüge aus den Napster-, Apple-, Youtube- und Spotify-Protesten vergangener Zeiten. Und ich kann allen Künstlern nur den Rat geben: Verlasst euch nicht auf Politiker, Medienvertreter, Künstlerverbände etc. und vor allem: Steckt nicht zu viel Energie in Diskussion und Ärger - macht euer Ding und versucht euch selbst zu positionieren. Im Kampf habt ihr keine Chance - ihr seid einfach nicht Systemrelevant (auch wenn das in manchen Artikeln behauptet wird). Und vor allem: Es gibt immer wieder jede Menge Nachwuchs, die euren Job übernehmen. Und viele davon auch richtig gut.


Generell ist es doch bei großen Krisen immer so - das ganze dient nur einem Zweck: Der Umverteilung von den kleinen Leuten and die übermächtig Großen. Und genau das passiert jetzt auch wieder. Ich muss schon schmunzeln, wenn Herr Altmaier verkauft, dass die Lufthansa mit einem Milliardenpaket gerettet wird. Was bzw. wer genau wird denn da gerettet? Wie viele von den ganzen Jobs in ein oder zwei Jahren noch da sind, werden wir dann sehen. Auf jedenfall werden aber alle Großinvestoren und Aktionäre der Lufthansa gerettet, die jetzt Milliarden an Kapital in den Sand gesetzt hätten. Bei den Angestellten profitieren wahrscheinlich nur die obersten Hundert von der sogenannten Rettung. Natürlich dürfen sich die Vorstände jetzt keine Boni auszahlen - ist schon hart bei einem siebenstelligem Jahresgehalt. Außerdem haben die Herren mit Sicherheit alle große Aktienpakete der Lufthansa und da der Kurs sich durch die Rettung bestimmt wieder erholt, können sie ja ein paar Aktien verkaufen. Ist jetzt nur ein Beispiel von vielen, die sich gerade mal wieder abspielen. So war das schon immer und da wird sich auch nichts dran ändern.


Ein Beispiel, was mir dazu noch akut einfällt sind die ganzen Pflegekräfte und Krankenschwestern. Was werden die gerade gefeiert als die Helden der Krise - zurecht natürlich, wobei die auch schon davor einen Heldenhaften Job gemacht haben. Gab es denn auch schon mal eine richtig dicke Gehaltserhöhung? Oder verdient der Krankenhausleiter, der aus dem Homeoffice arbeitet immer noch zehnmal soviel, wie die ganzen schwer arbeitenden Leute, die sich bei der Arbeit auch noch in virale Gefahr begeben. Ok ok - am meisten verdienen natürlich die Inhaber der privatisierten Krankenhäuser, die im Urlaub ihre Firmenbeteiligungen checken. Bin mal sehr gespannt, wer noch an die Helden der Krise denkt, wenn das ganze Thema vorbei ist und mal wieder einige entlassen werden müssen, da die Krankenhausfinanzen mal wieder schlecht aussehen. Das gleiche Spiel wie immer.


Deswegen mein Rat an alle: Hört nicht auf das ganze Geschrei und Versprechungen, sondern konzentriert euch auf euer Leben und dass, was ihr gut könnt und machen wollt. Investiert eure Energie in eure Leidenschaft, Familie und Freunde - das ist das einzige, was euch am Leben erhält und das Leben lebenswert macht. Ich jedenfalls mache das so.


Ich wünsche euch alles Gute. Bleibt gesund und wach!


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P.S.: Der Song am Ende des Podcasts ist "A Brave New World" von Industrial Zoo.


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