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Selbstbestrafung im Namen des Guten!

  • vor 2 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit


Wenn ich so die letzten Jahre Revue passieren lasse, fallen mir immer mehr Dinge auf, die sich mit dem Begriff der kognitiven Dissonanz gut beschreiben lassen. Das gilt sowohl für die kleinen Systeme wie Familie, Freunde, Beziehungen als auch für die größeren Systeme wie Länder und Ideologien.


Wer kennt das nicht? Es gibt diese Momente, die fühlen sich im ersten Augenblick richtig an. Nicht gut – aber richtig.


Zum Beispiel, wenn ich mich zurückziehe.

Wenn ich nicht mehr antworte.

Wenn ich jemandem etwas vorenthalte, was ich eigentlich gerne geben würde:


Aufmerksamkeit. Nähe. Verständnis.


Dann ist da dieser leise Gedanke im Hintergrund:

„Siehst du? Jetzt merkst du mal, wie sich das anfühlt.“


Klingt fair. Ist es aber nicht.


Denn wenn ich ehrlich bin, bestrafe ich in diesem Moment nicht den anderen - zumindest nicht nur. Ich bestrafe auch mich selbst.


Das Verrückte daran ist: Ich merke es oft nicht sofort und rede mir ein, dass ich doch richtig handeln würde.


Ich glaube, ich hätte die Kontrolle.

Ich glaube, ich würde ein Zeichen setzen.

Ich glaube, ich würde für mich einstehen.


In Wahrheit entziehe ich mir genau das, was ich eigentlich will oder sogar brauche:


Nähe. Verbindung. Leichtigkeit.


Und damit sind wir mitten in dem, was man wohl kognitive Dissonanz nennt.

Dieser innere Widerspruch zwischen dem, was ich tue, und dem, was ich eigentlich brauche.


Ich will Verbindung – verhalte mich aber trennend.

Ich will verstanden werden – werde aber kalt.

Ich will Nähe – und gehe auf Distanz.


Und um diesen Widerspruch auszuhalten, erzähle ich mir eine Geschichte:

Dass das alles notwendig ist. Dass der andere es „verdient“ hat.


Spoiler: Hat er meistens nicht. Und selbst wenn – ich gleich mit.



Beziehung als Trainingslager



Gerade in Beziehungen zeigt sich das besonders schön. Nicht die großen Dramen.

Sondern diese kleinen, fast unscheinbaren Momente:


Ein Kommentar, der nicht kommt.

Ein Blick, der ausbleibt.

Eine Grenze, die wieder mal wissentlich überschritten wird.

Ein Gespräch, das man absichtlich nicht führt.


So kleine emotionale Mini-Streiks.


Man zieht sich zurück, um dem anderen etwas zu zeigen und merkt nicht, dass man gleichzeitig die eigene Versorgung kappt.

Das ist ungefähr so, als würde man aus Protest gegen jemanden aufhören zu essen.


Konsequenz: Der andere merkt es vielleicht.

Du spürst es garantiert.



Vom Kleinen ins Große



Dieses Muster endet nicht bei uns selbst. Es skaliert – wunderschön sogar.


Man kann es auch auf größere Systeme übertragen – Gesellschaft, Politik, Wirtschaft.

Da erleben wir oft genau dieselbe Dynamik:


Man trifft Entscheidungen, die sich moralisch richtig anfühlen, oder zumindest so verkauft werden und blendet dabei aus, welche realen Konsequenzen sie für einen selbst haben.


Man will ein Zeichen setzen.

Haltung zeigen. Stärke demonstrieren.


Und zahlt den Preis dafür… selbst.


Das ist im Kern nichts anderes als kollektive kognitive Dissonanz:

Man hält an einer Überzeugung fest, obwohl die Realität längst dagegen spricht.


Warum?


Weil es unangenehm wäre, sich einzugestehen, dass man vielleicht falsch liegt.

Oder dass gute Absichten nicht automatisch zu guten Ergebnissen führen.



Der ehrliche Moment



Der schwierigste Punkt ist immer der gleiche:

Der Moment, in dem man sich selbst dabei erwischt.


Wenn man merkt:

Ich mache das gerade nicht für mich.

Ich mache das gegen jemanden.


Und treffe dabei mich.


Das ist kein schöner Moment.

Aber ein unglaublich wertvoller.


Weil er die Tür öffnet.


Raus aus dem Reflex.

Rein in die Verantwortung.


Das wird aber immer schwerer, je länger ich schon in diesem Selbstbetrug lebe und handele.


In Deutschland kann man das inzwischen ziemlich deutlich beobachten – gerade in der Energie- und Außenpolitik:


Man will das Richtige tun, Haltung zeigen, Verantwortung übernehmen.


Und das ist ja erstmal nichts Schlechtes.


Schwierig wird es nur dann, wenn man beginnt, die eigenen Konsequenzen auszublenden.


Wenn man merkt, dass der eingeschlagene Weg nicht so funktioniert wie gedacht –

aber trotzdem daran festhält.


Vielleicht, weil man sich schon zu weit aus dem Fenster gelehnt hat.

Vielleicht, weil man sich selbst widersprechen müsste.

Vielleicht, weil man dann das reale Ausmaß des Irrweges nicht mehr ausblenden kann.


Und so passiert etwas Merkwürdiges:


Man versucht, Stärke zu zeigen und schwächt sich dabei selbst.

Vielleicht sogar bis zum eigenen Tod.


Vielleicht ist die eigentliche Frage gar nicht:


Wie kann ich dem anderen zeigen, wie falsch er liegt?


Sondern:


Was würde mir gerade wirklich guttun?


Und dann den Mut zu haben, genau das zu tun.

Ohne Umweg. Ohne Spielchen. Ohne stille Bestrafung.


Klingt simpel, ist es aber nicht.


Aber wahrscheinlich deutlich weniger schmerzhaft als alles andere.


Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass dieser Moment der Wahrheit immer kommt. Bei meinem Opa habe ich selbst mit ansehen müssen, wie diese Einsicht erst auf dem Sterbebett gekommen ist. Der ganze Schmerz der Erkenntnis ergoss sich über ihn. Das hat mich damals als 35-jähren massiv geprägt. In diesem Moment wurde mir auch klar, dass ich meinen Opa vorher nie habe weinen sehen.


Leider habe auch ich in der Vergangenheit oft viel zu lange den falschen Weg weiter verfolgt und die Auflösung war dann um so schmerzlicher. Man wird aber deutlich besser, was das angeht - liegt vielleicht am Alter ;-).


Von daher blicke ich mit Zuversicht in die Zukunft.



Bleibt gesund und wach!

 
 
 

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