Zwischen Wärmepflastern und Wundheilungscreme
- vor 2 Tagen
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Aktualisiert: vor 21 Stunden

Ich bin gerade mal wieder auf Tour und habe in den letzten eineinhalb Wochen liebe Menschen besucht und eine gute Zeit gehabt. Allerdings stand der Start der Tour nicht unter einem ganz so guten Stern.
Vor drei Wochen wurde mir ambulant eine Hautstelle an der Stirn entfernt — nicht gerade klein, aber auch nichts Wildes. Während der OP dachte ich mir noch:
„Wie unglaublich gut Betäubungsmittel sind. Ein kurzer Pieks und es fühlt sich an, als würde die Stirn massiert werden, obwohl gerade ein drei Zentimeter großer Hautlappen rausgeschnitten wird.“
Als die Betäubung dann nachließ, merkte man allerdings schon, was da wirklich gemacht wurde. Und dann fing es an … eine kleine Stelle an der Stirn will einfach nicht zuwachsen. Sie tut nicht weh, aber sie ist halt eben da. Und so bin ich dann mit meinem kleinen Loch im Kopf losgefahren auf meine Tour.
Nach der ersten Nacht im Airbnb stand ich auf und dachte auf einmal: „Eieiei — der Rücken kann aber auch ganz gut schmerzen.“ Und dann stand ich da am Start meiner Tour — mit Loch im Kopf und Rückenschmerzen. Ein Satz, bei dem man hofft, dass er nur medizinisch gemeint ist.
Als ich dann im Bad vor dem Spiegel stand, dachte ich mir: „Interessant. Früher habe ich morgens überprüft, ob ein neuer Muskel da ist. Heute freue ich mich, wenn kein neues Wehwehchen dazugekommen ist.“
Der Satz „Alt werden ist nichts für Feiglinge“ fiel mir dabei sofort ein. Ich glaube, das ist sogar ein Buchtitel. Gelesen habe ich es zwar nie, aber langsam verstehe ich vermutlich auch ohne Buch, worum es geht. Wo man früher noch vital aus dem Bett gesprungen ist, beschäftigt man sich plötzlich mit Wundheilung, Pflastern, Hautstellen und der spannenden Frage, warum der Körper heute für Dinge länger braucht, die er früher offenbar zwischen Frühstück und Zähneputzen erledigt hat.
Früher bist du falsch vom Sofa aufgestanden und fünf Minuten später war alles wieder gut.
Heute hebst du eine Getränkekiste leicht schräg an und dein Körper reagiert, als hättest du versucht, alleine eine mittelgroße Kathedrale umzusetzen. Ok — ich übertreibe. Ganz so schlimm ist es noch nicht.
Auf meinem Trip habe ich einige Menschen getroffen, die teilweise deutlich jünger sind als ich — aber körperlich oder mental schon viel erschöpfter wirken. Menschen, die kaum noch Energie haben, sich selbst verloren haben oder innerlich wirken, als wären sie längst ausgestiegen.
Und da wurde mir plötzlich etwas klar:
Älter werden ist vielleicht gar nicht das eigentliche Problem?!
Das Problem ist eher, irgendwann aufzuhören zu leben. Denn natürlich verändert sich der Körper. Natürlich kneift es mal hier und zieht mal dort. Natürlich entdeckt man morgens neue Geräusche an sich, von denen man nicht genau weiß, ob sie aus dem Rücken, dem Knie oder aus der Seele kommen. Aber gleichzeitig merke ich auch:
Mit dem Alter kommt etwas anderes dazu:
Gelassenheit.
Klarheit.
Dankbarkeit.
Früher wollte ich oft unbedingt irgendwo hin. Heute denke ich mir häufiger:„Eigentlich ganz schön, einfach mal da zu sein.“
Vielleicht ist das tatsächlich der große Unterschied.
Jung sein bedeutet oft: schneller, höher, weiter.
Älter werden bedeutet irgendwann: echter.
Man muss niemandem mehr etwas beweisen. Nicht mehr überall dazugehören. Nicht mehr jede Party mitnehmen. Nicht mehr jede Diskussion gewinnen.
Und ganz ehrlich? Das ist ziemlich angenehm.
Natürlich gibt es trotzdem diese Momente, in denen man merkt, dass die Zeit nicht stehen bleibt.
Wenn man beim Aufstehen kurz überlegt, ob das jetzt ein Ziehen oder schon eine Persönlichkeitseigenschaft ist.
Wenn man plötzlich beim Besuch der Altstadt vor dem Kaffeetrinken noch schnell in die Apotheke hüpft, um Wärmepflaster und Wundheilungscreme zu kaufen.
Oder wenn man merkt, dass man früher nachts um drei Döner essen konnte — und heute nach einer falschen Schlafposition drei Tage lang aussieht wie ein zusammengefalteter Klappstuhl. Aber vielleicht gehört genau das dazu.
Vielleicht ist Würde im Alter nicht, jung zu bleiben. Sondern über all das lachen zu können, ohne bitter zu werden. Und vielleicht bedeutet gesund altern auch nicht, dass nichts weh tut. Sondern dass man trotz allem noch neugierig bleibt.
Noch fühlt.
Noch liebt.
Noch lacht.
Denn ich glaube inzwischen:
Wirklich alt wird man nicht dann, wenn der Rücken zwickt oder man ein kleines Loch im Kopf hat. Sondern dann, wenn man aufhört, sich auf morgen zu freuen. Und ich freue mich auf morgen, auf das, was noch kommt, und auf die nächsten Besuche bei meinen Lieben.
Bleibt gesund und wach!




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