Völlig vergessen


Vor einiger Zeit schrieb ich einen kleinen Artikel mit dem Titel “Einfach nur vergessen”. Leider begleitet mich und meine Familie dieses Thema weiterhin und ich muss einfach mal wieder ein paar Dinge in Worte fassen, um sie zu begreifen.


Als ich “Einfach nur vergessen” am 05. Juni diesen Jahres schrieb, hätte ich mir noch nicht vorstellen können, wie sich die ganze Situation weiterentwickelt - vor allem in welcher Geschwindigkeit. Gerade mal einen Monat später war es bereits soweit, dass der erste Hilfedienst für zweimal die Woche bestellt werden musste. Das funktioniert bis heute wirklich gut und ich bin sehr froh, dass so viele Menschen sich der Alterspflege verpflichten - und das aus ganzem Herzen. Bei den Meisten muss es sich wirklich um Leidenschaft handeln, da sie mit einer Engelsgeduld sich um die bedürftigen Kümmern und finanziell ja nun wirklich (meiner Meinung nach) am falschen Ende der Einkommensskala stehen. Wenn ich überlege, was ich mit meiner bescheidenen Tätigkeit verdiene und was in diesen Berufen bezahlt wird, dann bekomme ich ein ganz schlechtes Bauchgefühl. Wenigstens kann ich mein Gewissen ab und zu durch eine Spende etwas beruhigen, aber zurück zum Thema.


Es ist wirklich schlimm anzusehen, wie ein geliebter - seit Jahrzehnten bekannter Mensch - sich innerhalb kürzester Zeit mehr und mehr verändert. Auf einmal funktioniert das Bett beziehen nicht mehr, man steht hilflos mit der Mülltüte vor dem Mülleimer und bekommt diese nicht mehr hinein, man ringt nach den richtigen Worten und findet sich selbst immer mehr in der Hilflosigkeit des Alltags wieder. Das ist überhaupt das schlimmste: Die erkrankten bekommen sehr wohl mit, dass sie gewisse Dinge, die sie Jahrzehnte wie selbstverständlich erledigt haben, auf einmal nicht mehr hinbekommen. Ich habe mich damals schon gefragt, wie sich das wohl anfühlen muss?! Aber darauf habe ich leider keine Antwort bekommen und ich kann es mir auch beim besten Willen nicht vorstellen.


Nur wenige Wochen später funktionierte das Schreiben nicht mehr richtig und wenn unsere Bekannte dann sah, was sie eben schrieb, ist sie fast regelmäßig in Tränen ausgebrochen - was für eine Folter. Auch die Wörter entfallen mehr und mehr - allerdings nur Dinge und Namen aus dem “Hier und Jetzt” oder der kurzen Vergangenheit. Das Langzeitgedächtnis ist zu 99% voll da, bringt einem nur in der Gegenwart nicht allzu viel. Also unterhalten wir uns gerne über die vergangenen Tage - das ist wirklich toll, da wird sich rege ausgetauscht, viel gelacht und manchmal auch geweint. Solche Gespräche können manchmal über eine Stunde dauern und man denkt, die alte Form ist wieder da. Bis das Gespräch verstummt und man auf Toilette muss, aber nicht mehr genau weiß, wo man hingehen soll. Das sind diese Momente, in denen es mir den Boden unter den Füßen wegzieht. Eben noch voll im Leben und dann wieder völlig neben sich - ich sagte es bereits:


Was für eine Folter


Inzwischen, gerade mal ein halbes Jahr nach meinem ersten Artikel, kommt die Betreuung nun täglich und man kann sie keinen Tag mehr alleine lassen. Die Zeit ist überhaupt kein Begriff mehr und mit Terminen kommt sie nun auch nicht mehr klar. Teilweise wird die einst so liebe Person richtig grantig - da sie denkt, die anderen hätten sie versetzt oder sich seit Tagen nicht gemeldet. Unvorstellbar, aber ich bin leider live dabei. Die Anmeldungen in Pflegeeinrichtungen sind alle auf Dringlichkeit und wir hoffen sehr, in den nächsten Wochen einen Platz zu bekommen. Das wird dann die letzte große Hürde: Der Auszug aus der vertrauten Umgebung - ich darf noch gar nicht daran denken und bleibe lieber im “Hier und Jetzt” anstatt mir die Zukunft auszumalen. Wie wir ja alle von Eckart Tolle wissen, ist das auch besser so. Ab und zu tauchen alte Fotos auf, in denen noch alles völlig normal war - gerade ein paar Jahre her - und in ich frage mich mal wieder:


Woher kommt diese Krankheit?

Wie kann es sein, dass so viele Menschen das bekommen? Liegt es an der Lebensweise, liegt es an der Herkunft, liegt es an der Last, die wir teilweise ein Lebenslang mit uns herumtragen? Ich kann das nicht beantworten, aber eins ist sicher: Lebe Dein Leben “Hier und Jetzt” und verschiebe nichts auf eine unbestimmte Zukunft. Bei vielen älteren Menschen ist mir das inzwischen begegnet: Der Schock, den das Lebensende bereitet, wenn man feststellt: “Ich wollte doch eigentlich ein ganz anderes Leben” oder “Ich wollte noch so vieles machen.” Vielleicht kommt daher auch der große Anteil der Demenzkranken? Wenn der Schock über diese Fragen am Ende des Lebens zu groß würde, hilft sich der Verstand mit “Vergessen” und es bleiben nur die schönen Erinnerungen an die gute, alte Zeit. Bei dem uns bekannten Fall würde diese Theorie sehr gut passen. Ich hoffe sehr, dass Sie möglichst bald Frieden mit sich findet - wie auch immer das in ihrem Falle aussieht. Der einzige Trost, der uns bleibt: Inzwischen merkt sie bei einigen Dingen nicht mehr, wie sehr es abwärts geht. Da ist das “Vergessen” dann langsam auch ein bisschen hilfreich.


Bleibt gesund und wach!


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