Autosuggestion - was ich als Kind suchte und erst viel später verstand
- Misar
- vor 11 Stunden
- 3 Min. Lesezeit

Ich bin kürzlich über ein Zitat von Émil Coué gestolpert:
“Jeder Gedanke in uns ist bestrebt, wirklich zu werden.Nicht unser Wille, sondern unsere Einbildungskraft – die Fähigkeit, sich etwas glauben zu machen – ist die bedeutsamste Eigenschaft in uns.”

Das hatte zur Folge, dass ich mir sein Buch Autosuggestion bestellt habe. Und während ich darin las, passierte etwas Unerwartetes: Ich war plötzlich wieder zehn oder elf Jahre alt.
Damals hatten sich meine Eltern gerade getrennt. Wir waren in eine neue Stadt gezogen, alles war fremd, nichts fühlte sich sicher an. Meine Mutter hatte wenig Zeit, und so trat ein Mensch in mein Leben, der bis heute einen festen Platz in meiner Erinnerung hat:
Herr Skorodensky
Ich weiß nicht mehr genau, wie man seinen Namen schreibt, aber ich sehe ihn noch sehr deutlich vor mir: ein älterer Herr, ruhig, freundlich, oft mit seinem Dalmatinerhund Dixie unterwegs (ich glaube, damals gab es die gleichnamigen Toiletten noch nicht).
Dixie war eine ganz besondere Dalmatiner-Dame – mit sehr vielen schwarzen Flecken auf dem Fell. Sie kam immer schwanzwedelnd auf mich zu und lachte. Ja, sie lachte tatsächlich, indem sie die Zähne zeigte. Als Kind hatte ich zuerst Angst, aber sie war herzensgut. So etwas habe ich bei keinem Hund danach mehr erlebt.

Herr Skorodensky war alleinstehend, lebte im Nachbarblock und nahm mich oft mit auf Spaziergänge. Er erzählte mir Geschichten, hörte zu. Und er öffnete mir Welten.
Als wir damals aus dem Wohnblock in einen anderen Stadtteil zogen, schenkte er mir zum Abschied das Buch Der kleine Prinz von Antione de Saint-Exupéry – mit Widmung.
Dieses Buch habe ich heute noch und erst neulich habe ich es wieder in der Hand gehabt.
Herr Skorodensky erzählte mir von wundervollen inneren Landschaften. Von der Kraft der Vorstellung. Von Hypnose und Autosuggestion.
Für mich als Kind war das magisch. Da war plötzlich die Idee, dass das, was in meinem Kopf passiert, mehr ist als bloßes Denken. Eines Tages, als mich mein Vater mal wieder abholte und ich allein durch das Einkaufszentrum schlenderte, in dem seine Tanzschule war, ging ich in eine Buchhandlung und kaufte mir tatsächlich ein Buch darüber:

Hypnose und Autosuggestion von Gerhard Leibhold
Ich habe es gelesen – aber als vielleicht Elfjähriger nicht wirklich verstanden.
Natürlich hoffte ich als Kind auf etwas anderes. Auf eine Art schnellen Leitfaden. Eine Anleitung, wie man mit Trennung, Verlust und Unsicherheit besser klarkommt. Wie man seine Träume wahr werden lassen kann. Das Buch war das nicht. Und es konnte es auch nicht sein.
Jetzt – viele Jahre später und angestoßen durch Émil Coué – habe ich es erneut gelesen. Und erst jetzt verstehe ich, worum es wirklich geht.Nicht um Zauberei oder Selbstbetrug, sondern um die schlichte Wahrheit, dass unsere inneren Vorstellungen eine enorme Macht über unser gesamtes Leben haben.
Autosuggestion ist kein Trick, mit dem plötzlich alles gut wird. Sie ist eher wie eine leise Dauerstimme im Hintergrund. Die Frage ist nur: Was sagt diese Stimme?
Als Kind brach mir mein Halt im Außen fast gänzlich weg. Also suchte ich Halt im Innen – in Büchern, in Geschichten, in Phantasiewelten und in der Musik. Heute erkenne ich, dass genau das meinen Weg bestimmt hat. Dass das Entscheidende immer innen begann.Dass das, was wir uns über uns selbst erzählen, langfristig mehr formt als jede äußere Situation.
Autosuggestionen sind unterbewusste Leitsätze, die unsere Realität bestimmen. Sie entstehen zunächst aus Suggestionen – also aus Sätzen, die wir gesagt bekommen und auch selbst zu uns sagen. Setzen sie sich fest und werden Teil unseres Glaubens, werden sie zur Autosuggestion.
Jeder von uns hat sie - in jungen Jahren natürlich maßgeblich geprägt durch Familie und Freunde.
Für mich hatte das viele Alleinsein seine Vorteile. Vor allem, weil mir nicht zu viele negative Suggestionen von außen begegneten – und weil mein stundenlanges Verharren in Phantasiewelten nicht unterbrochen wurde durch Sätze wie: „Räum mal dein Zimmer auf“ oder „Komm jetzt essen“. Wahrscheinlich hätte ich sonst vieles gar nicht erreicht. Und wahrscheinlich wären nicht so viele meiner Träume in Erfüllung gegangen – Träume, die ich als Kind oft stundenlang für wahr genommen und in meiner Phantasiewelt ausgiebig gelebt habe.
Vielleicht musste ich all diese Jahre älter werden, um genau das zu begreifen.Und vielleicht war dieses frühe Interesse an Hypnose und Autosuggestion kein Zufall, sondern ein erster, noch unbeholfener Versuch, mir selbst zu helfen.
Hat funktioniert! 🙂
Offenbar wusste mein zehnjähriges Ich mehr, als ich lange dachte.
Bleibt gesund und wach!




Kommentare