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Ich bin gut, wie ich bin - und jetzt?

  • Misar
  • vor 6 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit


Unsere Gesellschaft steckt mitten im Selbstoptimierungswahn.

Wer ist nicht auf der Suche nach sich selbst, akzeptiert sich so, wie er ist und hat natürlich ein offenes Ohr für sein inneres Kind?


Aber mal ganz ehrlich: Ist dein Leben dadurch wirklich besser geworden?


In den letzten Jahren hat sich etwas verschoben. Nicht laut, nicht abrupt – eher schleichend.

Sätze wie

„Ich bin gut, wie ich bin.“

„Ich darf so sein.“

„Ich muss nichts mehr leisten.“

„Mein inneres Kind braucht Heilung.“


sind allgegenwärtig geworden. Und vieles daran ist richtig. Heilsam sogar. Gerade für Menschen, die lange über ihre Grenzen gegangen sind, sich verbogen, angepasst und optimiert haben.

Und doch frage ich mich immer öfter:

Was passiert, wenn sich vieles davon als Ausrede entpuppt? Wenn ich mir nur einrede, voranzukommen – und in Wahrheit stehen bleibe?


Wenn Akzeptanz zur Ausrede wird


Akzeptanz ist wichtig. Ohne sie wird jede Veränderung zur Selbstverachtung. Aber Akzeptanz ist nicht dasselbe wie Stillstand. Manchmal wirkt es, als sei aus dem berechtigten Wunsch nach Selbstannahme ein neuer Komfortbereich entstanden. Einer, in dem man sich sehr viel mit sich selbst beschäftigt – und gleichzeitig erstaunlich wenig verändert.

Man reflektiert, man versteht sich, man erklärt sich. Und bleibt doch genau dort stehen, wo man ist. Nicht, weil man nicht könnte. Sondern weil man nicht mehr muss.


Unzufriedenheit als verpönter Motor


Unzufriedenheit hat heute einen schlechten Ruf. Sie gilt als Zeichen von Undankbarkeit oder innerer Unreife. Dabei war Unzufriedenheit schon immer ein Motor. Nicht die destruktive, nörgelnde – sondern die ehrliche:

So wie es gerade ist, fühlt es sich nicht stimmig an. Das geht besser.


Wer jede Unzufriedenheit sofort wegtherapiert, verliert vielleicht genau diesen Impuls. Den leisen Hinweis darauf, dass etwas wachsen, sich verändern oder auch unbequem werden will.

Man kann sehr zufrieden wirken – und innerlich immer enger werden. Da nützt dann auch die schönste Work-Life-Balance nichts mehr.


Selbstarbeit ohne Reibung


Ein weiterer Gedanke lässt mich nicht los:Was, wenn ein Teil der heutigen Selbstarbeit so sanft geworden ist, dass sie kaum noch Reibung erzeugt?

Man arbeitet am inneren Kind, an Glaubenssätzen, an Verletzungen – alles wichtig.Aber echte Veränderung braucht manchmal auch Konfrontation. Mit sich selbst, mit dem eigenen Verhalten, mit den Auswirkungen auf andere.

Wenn ich mich nur noch erkläre, aber nicht mehr hinterfrage, wenn alles mit Vergangenheit, Prägung oder Trauma begründet wird, kann Empathie kippen – in Selbstbezogenheit.

Gerade die Arbeit mit dem inneren Kind wird mir zunehmend suspekt. Ich habe in Gesprächen mehrfach erlebt, dass sie weniger zur Heilung als zur inneren Spaltung genutzt wird.

Denn das innere Kind bin ICH – mit meinen Erfahrungen. Und ich habe heute die Wahl, was ich daraus im Hier und Jetzt mache. Es gibt keinen kleinen Menschen in mir, der mich daran hindert, mein Leben als Erwachsener so zu gestalten, wie ich es möchte.


Der schmale Grat zur Ich-Zentrierung


„Ich darf so sein, wie ich bin“ ist ein wichtiger Satz, aber er endet idealerweise nicht dort.

Denn Beziehung, Gesellschaft und Miteinander leben davon, dass wir uns auch korrigieren lassen. Dass wir Verantwortung übernehmen für das, was unser Verhalten auslöst.

Ein weiterer Trend der heutigen Selbstoptimierung ist der, alles mit sich selbst auszumachen. Das funktioniert oft so lange, bis andere Menschen ins Spiel kommen – Menschen, die man nicht nach den eigenen Vorstellungen zurechtbiegen kann.

Wenn Selbstannahme dazu führt, dass man sich immer mehr herausnimmt und immer weniger in Resonanz geht, wird sie paradox: Dann schützt sie nicht mehr – sie isoliert.


Vielleicht ist das kein Entweder-oder zwischen Selbstoptimierung und Selbstakzeptanz. Vielleicht geht es um ein Sowohl-als-auch:


Ich darf mich annehmen – und ich darf wachsen.Ich darf freundlich mit mir sein – und ehrlich.Ich darf Pausen machen – und mich herausfordern.


Wachstum ohne Selbstannahme wird brutal. Selbstannahme ohne Bewegung wird träge.

Vielleicht ist die entscheidende Frage also nicht: Bin ich gut, wie ich bin? sondern:

Bin ich noch in Bewegung – oder habe ich es mir nur bequem erklärt?


Denn echte Selbstreflexion hört nicht dort auf, wo es angenehm wird. Sie beginnt oft genau an der Stelle, an der man merkt: Da wäre eigentlich noch mehr möglich.


„Und jetzt wird wieder in die Hände gespuckt …“


Bleibt gesund und wach!

 
 
 

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