Selbstsabotage
- Misar
- 11. Jan.
- 4 Min. Lesezeit

Es gibt Phasen im Leben, da fragt man sich irgendwann:
Warum mache ich das eigentlich?
Warum treffe ich Entscheidungen, bei denen ich innerlich schon weiß, dass sie mir nicht guttun?
Warum bleibe ich in Situationen, Beziehungen oder Mustern, die eher schmerzen als tragen?
Ich bin in den letzten Tagen viel im Gespräch gewesen – mit anderen, aber auch mit mir selbst. Und immer wieder kam dabei ein Wort hoch: Selbstsabotage.
Sabotage kommt ursprünglich aus dem Französischen: Sabot bedeutet Holzschuh.
Im 19. Jahrhundert trugen Arbeiter in Frankreich einfache Holzschuhe, sogenannte Sabots. Einer der Ursprungsmythen – historisch nicht zu 100 % belegbar, aber sprachlich sehr wirksam – erzählt, dass Arbeiter aus Protest oder Verzweiflung ihre Holzschuhe in Maschinen warfen, um diese zu blockieren oder zu beschädigen.
Ob das genau so passiert ist oder nicht:
Der Begriff hat sich festgesetzt.
Sabotage bedeutete ursprünglich:
absichtliche Störung von Arbeitsabläufen
Zerstörung oder Blockade von Funktion
meist als Akt des Widerstands, nicht aus Chaoslust
Also nicht sinnlose Zerstörung, sondern:
Etwas funktioniert – und ich bringe es zum Stillstand.
Heute meint Sabotage:
das bewusste oder unbewusste Untergraben eines Prozesses
das Verhindern von Erfolg
das Blockieren von Entwicklung
Wörtlich heißt Selbstsabotage:
Ich werfe meinem eigenen Prozess den Holzschuh dazwischen.
Nicht, weil der Prozess schlecht ist. Sondern weil er zu schnell, zu fremd oder – im positiven Sinne – zu bedrohlich wird. Sabotage ist also kein Zufallsfehler. Sie ist eine gezielte Unterbrechung – oft aus Angst, Überforderung oder innerem Widerstand. Oder anders gesagt: Sabotage will nicht zerstören, sie will stoppen:
Erfolg, der innerlich noch nicht „erlaubt“ ist
Nähe, die zu nah kommt
Ruhe, die ungewohnt wirkt
Gelingen, das Verantwortung fordert
Das unbewusste Streben nach dem Scheitern
Die meisten Menschen haben es sich in ihrem Alltag gemütlich gemacht – und das ist erst einmal völlig in Ordnung. Doch mit der Zeit tauchen Zustände auf, die nicht mehr guttun. Also nimmt man sich vor, etwas zu ändern und alleine das, fühlt sich gut an. Schließlich habe ich einen Vorsatz - doch ehe man sich versieht, ist man wieder in den alten Gewohnheiten.
Wie war das mit den Jahresvorsätzen?
Gesünder essen. Weniger Alkohol. Mehr Sport. Mit dem Rauchen aufhören.
„Nächste Woche fange ich an.“ Warum eigentlich nicht heute?
Selbstsabotage klingt nach Absicht. Nach bösem Willen gegen sich selbst.
Doch so einfach ist es nicht.
Oft ist es kein gegen sich, sondern ein für etwas anderes:
für ein bekanntes Gefühl
für eine alte innere Logik
für ein Muster, das irgendwann einmal Sinn gemacht hat.
Und da das menschliche Gehirn gerne im Energiesparmodus unterwegs ist, bleibt es lieber im Gewohnten.
Dazu kommen Programme, die viele Menschen früh verinnerlicht haben:
Erfolg macht nicht glücklich
Es könnte noch schlimmer sein
Da kann man halt nichts machen
Eigentlich geht es mir doch ganz gut
Alles Sätze, die vermeintliche Sicherheit versprechen – und unbewusst dafür sorgen, dass es gar nicht erst besser werden kann.
Schmerz als Mittel, sich zu spüren
Ein Gedanke, der mich besonders beschäftigt:
Was, wenn Selbstsabotage manchmal nichts anderes ist als ein Versuch, sich überhaupt noch zu fühlen?
Viele Menschen leben in einer Art innerer Betäubung. Sie funktionieren, machen weiter, halten aus – und spüren wenig. Irgendwann wird dieses Nicht-Spüren unerträglich.
Dann wird Schmerz zu einem Mittel.
Nicht, weil man ihn will – sondern weil er Echtheit bringt.
Ein gutes Beispiel dafür sind junge Menschen, die sich ritzen, um sich selbst zu spüren. Um zu wissen: Ich bin noch da.
Mir fällt dazu eine Begegnung bei einem Spaziergang ein. Ein junges Mädchen kam mir entgegen, trug Hotpants, und ihre Beine waren von oben bis unten mit frischen, blutigen Schnitten übersät. Mich erschauderte der Anblick. Und gleichzeitig hatte ich das Gefühl, sie zeigte diese Wunden bewusst.
Bis heute frage ich mich:
War das ein Hilfeschrei?
Oder ein: „Schaut, was ich aushalten kann!“
Oder der Selbstbeweis: „Ich lebe noch!“
Was auch immer ihre Beweggründe waren – dieses Bild hat sich eingebrannt.
Doch der Versuch, sich durch Schmerz zu fühlen, zeigt sich genauso im Seelischen:
Man bleibt in der falschen Beziehung.
Man trifft Entscheidungen, von denen man weiß, dass sie scheitern oder den eigenen Zustand nicht verbessern.
Man läuft sehenden Auges in Situationen, die wehtun.
Nicht aus Dummheit, sondern aus einem inneren Bedürfnis nach Intensität.
Die vertraute Heimat des Leids
Schmerz ist unerquicklich – aber er kann vertraut sein. Und Vertrautheit fühlt sich sicher an. Manche Menschen kennen Leid besser als Ruhe, Drama besser als Stabilität, Scheitern besser als Gelingen.
Dann wird das eigene Leben unbewusst so gestaltet, dass es genau diese Gefühle liefert. Nicht, weil man sie liebt – sondern weil man sie kennt.
Ich kenne Menschen, die sich fast ausschließlich über ihr Leid definieren: über Krankheit, schlechte Beziehungen oder Misserfolge. Würde man ihnen diese Sorgen nehmen, fiele ihr ganzes Selbstbild in sich zusammen. Glück oder Gesundheit wären fast selbstzerstörend.
Rational ergibt das keinen Sinn, Emotional schon.
Wenn ich mein halbes Leben geklagt habe – wie fühlt es sich an, plötzlich auf der „guten Seite“ zu stehen?
Und vor allem: Was sollen die anderen denken?
Das funktioniert übrigens auch in die andere Richtung.
Wenn man nach außen permanent erzählt, wie gut es einem geht, während sich innerlich ein Scheiterhaufen nach dem anderen auftürmt. Auch das kenne ich aus meiner eigenen Geschichte. Dieses Bild aufrechtzuerhalten macht krank und bringt einen auch in einen vertrauten Schmerz.
Früher habe ich oft gefragt:
„Wenn Geld kein Problem wäre – würdest du genau so leben und arbeiten wie jetzt?
Wenn ja: wunderbar. Wenn nicht: ändere etwas.“
Heute würde ich eine andere Frage stellen:
„Nimm alles weg, was du glaubst zu sein. Titel, Rollen, Geschichten, Beziehungen, sogar deinen Namen und deine Vergangenheit. Was bleibt übrig – und wie fühlt sich das an?“
Wenn das Muster erkannt wird
Das Spannende ist: In dem Moment, in dem man Selbstsabotage erkennt, verliert sie langsam ihre Macht – nicht sofort, aber nachhaltig.
Denn dann wird klar:
Das ist kein persönliches Versagen.
Das ist ein alter Schutzmechanismus.
Und Schutzmechanismen darf man würdigen, bevor man sie loslässt. Sie haben einen immerhin bis hierher gebracht. Und da ist garantiert nicht alles schlecht – oder?
Vielleicht reicht es manchmal schon, sich zu fragen:
„Was bräuchte ich, um mich zu spüren, ohne mir wehzutun?“
Ich glaube, viele Menschen sabotieren sich nicht, weil sie scheitern wollen.
Sondern weil sie noch nicht gelernt haben, mit Gelingen umzugehen.
Vielleicht ist das der eigentliche Lernweg.
Bleibt gesund und wach!
P.S.: Ich liebe KI ;-)




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