top of page

Geliebte Mutter

  • 28. Feb.
  • 3 Min. Lesezeit


Heute möchte ich über das einschneidende Erlebnis des Kinderbekommens sprechen – und darüber, wie es die Beziehung zum eigenen Partner verändert. Natürlich kann ich das nur aus der Sicht des Mannes – also eines Vaters – machen.


Es gibt Momente im Leben eines Paares, die alles verändern.

Kinder zu bekommen gehört definitiv dazu – wahrscheinlich ist es sogar das größte Ereignis. Jeder, der Kinder hat, weiß, wovon ich spreche.

Ich möchte mich allerdings mit einem Thema befassen, das mir bis vor Kurzem noch nicht wirklich bewusst war:


Wenn die Geliebte zur Mutter wird


Das klingt erstmal banal. Aber was verändert sich im eigenen Gefühl?


Wie schon gesagt, kann ich das nur aus der Sicht des Mannes versuchen zu erklären. Denn eines ist klar: Jeder hatte eine Mutter und eine Beziehung zu ihr – aber nur eine Frau kann Mutter werden.


In vielen Gesprächen – und auch in meiner eigenen Familiengeschichte – merke ich, dass es oft ein Thema gibt, über das kaum jemand spricht:


Was passiert eigentlich mit der emotionalen Beziehung, wenn die begehrte Frau auf einmal Mutter wird?


Ich kann es bei mir, in meiner Familie und in Gesprächen mit guten Freunden beobachten. Da ist oft dieses unausgesprochene Gefühl: Irgendetwas hat sich verschoben.


Früher war sie Geliebte. Jetzt ist sie Mutter.

Und auf einmal ergibt sich eine andere Beziehung.


Die innere Vermischung der Rollen


Psychologisch ist das gar nicht so überraschend.


Schon Sigmund Freud beschrieb früh, dass wir in Liebesbeziehungen unbewusst alte Beziehungsmuster wiederholen. Seine Theorie vom sogenannten „Ödipuskomplex“ ist heute nicht mehr in der ursprünglichen Form haltbar – aber ein Gedanke daraus ist geblieben:


Unsere frühen Bindungserfahrungen prägen, wen wir später begehren und wie wir lieben.


Später griff John Bowlby das Thema Bindung wissenschaftlicher auf. Seine Bindungstheorie zeigt, dass unsere Beziehung zur Mutter – oder zur primären Bezugsperson – eine Art Blaupause für spätere Nähe wird.


Und jetzt kommt der spannende Punkt:


Wenn die eigene Partnerin Mutter wird, kann sich innerlich etwas überlagern.

Die Geliebte bekommt plötzlich einen „Mutterstatus“, und Emotionen aus der Bindung zur eigenen Mutter tauchen unbewusst auf und spielen in der Beziehung mit.


Wenn die Kinder älter werden, spiegeln sie uns oft Teile unserer eigenen Kindheit wider – das kann ich aus eigener Erfahrung voll und ganz bestätigen. Vieles wird noch einmal durchlebt. Und ich glaube, dass auch in der Mutter-Kind-Beziehung alte Dynamiken aus der eigenen Geschichte wieder auftauchen. Natürlich unbewusst – aber sie spielen mit im Beziehungsspiel.


Es entsteht eine Art innere Rollenverwirrung.


Die Geliebte und die Mutter – zwei Welten


In der Psychoanalyse gibt es den Begriff der „Madonna-Hure-Spaltung“. Vereinfacht gesagt beschreibt er, dass manche Männer Frauen entweder idealisieren (rein, fürsorglich, Mutterfigur) oder sexualisieren – aber Schwierigkeiten haben, beides in einer Person zu vereinen.


Das klingt extrem. Aber vielleicht ist es im Kern menschlicher, als wir denken.


Gleichzeitig spiegeln die eigenen Kinder plötzlich das eigene Verhältnis zur Mutter wider. Und manchmal tauchen dabei alte Gefühle auf, von denen man gar nicht wusste, dass sie noch da sind.


Vielleicht ist genau das einer der unterschätzten Belastungstests für Beziehungen nach der Geburt von Kindern.


Beziehungsforscher wie John Gottman zeigen seit Jahren, dass die Phase nach der Geburt eines Kindes statistisch eine der kritischsten für Partnerschaften ist. Nicht nur wegen Schlafmangel oder Stress – sondern wegen veränderter Rollen, Identitäten und Erwartungen.


Man wird Eltern, aber man muss trotzdem Liebespaar bleiben.


Und das ist komplexer, als es klingt.


Kann ich die Frau, die Mutter ist, gleichzeitig als Geliebte sehen?

Kann ich Fürsorge und Erotik in derselben Person zulassen?

Oder triggert das etwas in mir?


Das gilt natürlich nicht nur für Männer.


Auch bei Frauen verändert sich etwas in der Beziehung zum Mann. Aus vielen Gesprächen weiß ich, dass es oft auch umgekehrt so ist: Frauen haben, nachdem sie Mutter geworden sind, weniger Lust auf körperliche Nähe zum Partner. Ob das an einer unbewussten Aktivierung der Verbindung zum eigenen Vater liegt, kann ich nicht sagen. Es klingt zumindest denkbar.

Aber das ist nur eine Vermutung aus meiner Perspektive – vielleicht sieht es aus weiblicher Sicht ganz anders aus.


Bei mir persönlich spielt sogar das Geschlecht des Kindes eine Rolle. Mein Sohn spiegelt mich in meiner Kindheit stärker als meine Tochter. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass er der Erstgeborene ist – ich weiß es nicht sicher.


Auf jeden Fall ist Elternwerden der Beginn eines Weges, den man sich vorher gar nicht ausmalen kann. Abgesehen von der Verantwortung ist es eine Reise durch die eigene emotionale Geschichte.


Ich finde diese Reise spannend, auch wenn sie manchmal schmerzlich ist.


Entscheidend ist, dass man wahrnimmt, was die anderen Familienmitglieder fühlen und erwarten.

Deckt sich das mit meinen Gefühlen?

Was davon bin wirklich ich – und was stammt aus vorgelebten Beziehungen, zum Beispiel denen meiner eigenen Eltern?


Wichtig ist, in der Ehrlichkeit zu bleiben.

Sich ehrlich mitzuteilen.

Und wirklich zuzuhören.


Vielleicht ist das eine der erwachsensten Aufgaben in einer langen Beziehung:


Die Rollen neu zu integrieren.



Bleibt gesund und wach!

 
 
 

Kommentare


bottom of page