Lilly
- vor 16 Minuten
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Letzte Woche ist die Katze meiner Mutter, Lilly, gestorben, und wir haben sie – ebenso wie meine Mutter damals – auf ihrem letzten Weg begleitet.
Nun war Lilly mit ihren 19 Jahren keine junge Katze mehr. Eigentlich wussten wir alle, dass dieser Tag irgendwann kommen würde. Und trotzdem ist es etwas anderes, wenn das Irgendwann plötzlich zum Jetzt wird.
Was mich in den letzten Tagen besonders berührt hat, war nicht ihr Tod selbst – und auch nicht die Erinnerungen an die letzten Wochen meiner Mutter.
Es war die Art, wie sie ihm begegnet ist.
In den letzten Wochen wurde sie immer ruhiger. Sie fraß kaum noch, trank nur noch ein wenig und zog sich zunehmend zurück.
Nicht abrupt.
Nicht dramatisch.
Eher so, als würde sie Schritt für Schritt Abschied nehmen.
Mal lag sie an einem Platz im Garten, an dem sie sonst nie gelegen hatte. Dann wieder an einer Stelle in der Wohnung, die sie früher kaum beachtet hatte. Oft saß oder lag sie dort einfach nur – stundenlang.
Still.
Friedlich.
Als würde sie noch einmal durch ihr eigenes Leben spazieren und sich die schönsten Plätze ansehen.
Je näher das Ende kam, desto weniger schien sie dagegen anzukämpfen. Und genau das hat mich nachdenklich gemacht. Denn wir Menschen sind Meister darin, gegen die Realität zu kämpfen. Wir kämpfen…
…gegen das Älterwerden.
…gegen Veränderungen.
…gegen Abschiede.
…gegen Krankheiten.
Und manchmal sogar gegen Dinge, die längst geschehen sind.
Ein großer Teil unseres Leidens entsteht nicht durch das Ereignis selbst, sondern durch unseren Widerstand dagegen. Wir möchten, dass etwas anders ist, als es gerade ist.
Lilly schien das nicht zu tun.
Natürlich weiß ich nicht, was in ihr vorging. Vielleicht ist das auch nur meine menschliche Interpretation. Aber von außen betrachtet wirkte es, als hätte sie etwas verstanden, was wir oft vergessen:
Das Leben kommt, wie es kommt.
Kein Drama.
Keine Empörung.
Kein „Warum ich?“.
Einfach nur der nächste Schritt.
Vielleicht liegt darin eine Weisheit, die wir verloren haben.
Wir Menschen haben gelernt, fast alles zu kontrollieren. Wir planen Jahre im Voraus, versichern uns gegen jedes Risiko und versuchen selbst die Zukunft noch in Tabellen und Wahrscheinlichkeiten zu pressen.
Und dennoch bleibt das Wesentliche außerhalb unserer Kontrolle.
Der Anfang.
Das Ende.
Und vieles von dem, was dazwischen geschieht.
Vielleicht besteht die Kunst des Lebens nicht darin, alles festzuhalten.
Vielleicht besteht sie darin, loszulassen, wenn die Zeit dafür gekommen ist.
Lilly hat mir in ihren letzten Tagen etwas gezeigt, das kein Ratgeber und kein Philosoph besser hätte erklären können:
Manchmal ist Frieden nichts, was man erreichen muss.
Manchmal entsteht Frieden genau in dem Moment, in dem man aufhört, gegen das Leben anzukämpfen.
Und vielleicht auch gegen den Tod.
Ich möchte dem Rest meines Lebens genau so würdevoll begegnen.
Bleibt gesund und wach!




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