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Durch den Blumenbogen

  • vor 2 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Letzte Woche hatte mein Sohn seinen Schulabschluss.

Eigentlich müsste ich jetzt über Zeugnisse und über Noten schreiben.

Aber ehrlich gesagt ist mir von diesem Tag etwas ganz anderes im Gedächtnis geblieben.

Es war die Art, wie diese Schule ihre Schülerinnen und Schüler verabschiedet hat.


Jeder Einzelne wurde nach vorne gerufen und schritt zu seiner ganz persönlichen Musik durch einen Blumenbogen, bekam eine Sonnenblume und sein Abschlusszeugnis überreicht.

Die Lehrer standen Spalier, applaudierten und schickten ihre Schülerinnen und Schüler mit einem Lächeln hinaus in den nächsten Lebensabschnitt. Zwischendurch sangen die Lehrer sogar für ihre Abschlussklasse.


Diese Abschlussfeier war sinnbildlich für die gesamte Schulzeit auf dieser freien Schule.

Den Schülern wurde mit Wertschätzung begegnet und sie wurden angenommen, wie sie sind. Sie bekamen genau die Unterstützung, die sie brauchten, um selbst ins Lernen und ins Tun zu kommen. Von Anfang an begegnete man ihnen auf Augenhöhe – nicht in Hierarchien.

Ich saß dort und dachte irgendwann nur noch:


Was für ein wunderbarer Abschied


Nicht, weil er perfekt inszeniert war. Sondern weil er eine Botschaft vermittelte:

Wir haben euch gesehen und wir sind stolz auf euch. Und wir glauben daran, dass ihr euren Weg gehen werdet.


Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr wurde mir klar, dass diese Abschlussfeier gar kein einzelner Moment war. Sie war vielmehr der Abschluss einer Haltung.

Denn genau so haben wir diese Schule in den vergangenen Jahren erlebt.

Die Lehrer haben nicht einfach nur Wissen vermittelt. Sie haben Mut gemacht. Sie haben Vertrauen geschenkt. Sie haben ihre Schülerinnen und Schüler ernst genommen.

Nicht mit dem Anspruch, ihnen jeden Schritt abzunehmen. Sondern mit der Überzeugung, dass junge Menschen wachsen, wenn man ihnen etwas zutraut.


Natürlich wurde auch gefordert. Natürlich gab es Schwierigkeiten. Aber über allem schien immer dieser eine Gedanke zu stehen:


“Du kannst das.”


Mir wurde während dieser Feier bewusst, wie unglaublich wertvoll dieser Satz eigentlich ist.

Denn irgendwann verlassen junge Menschen ihre Schule. Was sie mitnehmen, sind nicht nur Formeln, Vokabeln oder Jahreszahlen. Sie nehmen vor allem ein Bild von sich selbst mit.


Die Frage lautet also vielleicht gar nicht, welche Note jemand im Abschlusszeugnis stehen hat, sondern mit welcher inneren Stimme er oder sie das Schulgebäude zum letzten Mal verlässt.


Hört dieser junge Mensch: “Ich schaffe das.”


Oder hört er: “Mal sehen, ob überhaupt etwas aus mir wird.”


Während ich dort saß, musste ich immer wieder an meine eigene Schulzeit denken. Nicht, weil ich traurig werden wollte. Sondern weil sie so anders war.

Damals hatte ich oft das Gefühl, dass Fehler wichtiger waren als Stärken. Dass Kritik lauter war als Ermutigung. Und dass Erwachsene erstaunlich schnell bereit waren, einem jungen Menschen zu erklären, was aus ihm vermutlich einmal nicht werden würde.


Vielleicht war das damals einfach die Zeit. Vielleicht wusste man es nicht besser und meinte es sogar gut. Aber solche Sätze verschwinden nicht einfach. Sie begleiten Menschen manchmal jahrzehntelang. Sie tauchen später im Beruf wieder auf - oder in Beziehungen. Oder immer dann, wenn man an sich selbst zweifelt.


Deshalb hat mich diese Abschlussfeier wahrscheinlich so bewegt.

Weil ich dort erleben durfte, dass es auch anders geht. Dass Schule weit mehr sein kann als Unterricht. Dass Lehrer weit mehr sein können als Wissensvermittler. Und dass ein Abschied viel mehr ist als die Übergabe eines Zeugnisses.


Man schickt junge Menschen nicht nur mit Wissen ins Leben. Man schickt sie immer auch mit einem Gefühl, mit einer inneren Stimme.


Ich hoffe, dass viele der Schülerinnen und Schüler, die an diesem Vormittag durch den Blumenbogen gegangen sind, diese Stimme noch lange hören werden.

Nicht die Musik, die sie an diesem Vormittag begleitet hat. Sondern den viel wichtigeren Satz dahinter, mit dem ich diesen Artikel heute bewusst beenden möchte:


Wir glauben an dich!

 
 
 

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