Unsortiert
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“Wenn ein unordentlicher Schreibtisch ein Zeichen für einen unordentlichen Geist ist – wofür steht dann ein leerer Schreibtisch?” (Vermutlich von Albert Einstein)
Ich mag diesen Satz. Nicht, weil mein Schreibtisch besonders ordentlich oder besonders chaotisch wäre. Sondern weil er eine Frage stellt, statt gleich die passende Antwort mitzuliefern. Genau das scheint heutzutage immer seltener zu werden.
Während meiner Arbeitszeit lausche ich gerne Podcasts - vor allem lange Gespräche, in denen komplexe Sachverhalte besprochen werden und auch jeder ausreden darf. Was ich gar nicht mag ist dieser Konfrontationskurs-Journalismus - ich bin halt eher der sachliche Gesprächstyp. Dabei fällt mir immer häufiger auf, dass kaum noch ein Gespräch einfach für sich stehen darf. Kaum ein Interview. Kaum ein Zitat. Kaum eine Meinung.
Alles muss eingeordnet werden. Nicht selten schon, bevor man überhaupt die Gelegenheit hatte, selbst darüber nachzudenken.
Da spricht ein Politiker - bitte beachten Sie: rechts
Da äußert sich ein Wissenschaftler - Zur Einordnung: umstritten
Da führt jemand ein Interview - wichtiger Hinweis: Die folgenden Aussagen entsprechen nicht der Redaktion.
Man wartet eigentlich nur noch auf den Warnhinweis:
“Achtung! Eigenständiges Denken kann zu abweichenden Meinungen führen.”
Vielleicht täusche ich mich, aber ich habe den Eindruck, dass dieses Schubladendenken immer mehr zunimmt. Natürlich braucht Journalismus Kontext. Niemand erwartet, dass komplexe Themen ohne Hintergrund erklärt werden. Einordnung kann hilfreich sein. Sie kann Zusammenhänge schaffen, Fakten prüfen und Perspektiven erweitern.
Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass aus der Einordnung etwas anderes geworden ist:
Eine Gebrauchsanweisung.
Nicht nur: “Das ist passiert.” Sondern gleich: “Und so solltest du es verstehen.”
Und was ist eigentlich, wenn ich etwas völlig anders einordne als derjenige, der es gerade für mich eingeordnet hat? Wer hat dann Recht und muss ich dem anderen dann meine Ordnung aufzwingen? Oder hat vielleicht jedes Ordnungssystem seine Berechtigung?
Da fällt mir spontan wieder mein Schreibtisch ein. Dort kann es übrigens nur eine Ordnung geben. 😉
Vielleicht liegt das eigentliche Problem gar nicht in der Einordnung, sondern darin, dass jeder glaubt, seine sei die richtige. Als wären die Menschen nicht mehr in der Lage, selbst zu entscheiden, was überzeugend ist, was fragwürdig klingt oder welche Schlüsse man daraus ziehen möchte. Dabei gehört genau das doch zu einer offenen Gesellschaft:
Dass unterschiedliche Gedanken nebeneinander existieren dürfen.
Dass man jemanden interessant finden kann, ohne ihm in allem zuzustimmen.
Dass man sich anhört, was gesagt wird, bevor man entscheidet, was man davon hält.
Ich habe ohnehin den Eindruck, dass wir inzwischen alles sortieren:
Menschen, Meinungen, Parteien, Generationen
Alles landet früher oder später in irgendeiner Schublade:
Links, rechts, konservativ, progressiv, gut, böse
Als gäbe es zwischen den Schubladen keinen Raum mehr. Dabei spielt sich das Leben fast ausschließlich genau dort ab - zwischen den Schubladen. Vielleicht ist genau das die eigentliche Kunst des Denkens.
Nicht sofort einzuordnen.
Nicht sofort zu bewerten.
Nicht sofort zu wissen.
Sondern einen Gedanken einfach einmal stehen zu lassen, ihn von allen Seiten zu betrachten und mit ihm spazieren zu gehen.
Vielleicht sogar festzustellen, dass der Mensch, der ihn geäußert hat, in einem Punkt recht hat und im nächsten völlig danebenliegt. Wie beruhigend wäre das eigentlich?
Denn genau so sind Menschen: Unsortiert!
Und vielleicht gilt das auch für gute Gedanken.
Sie sind wie ein Schreibtisch - ein bisschen chaotisch aber vor allem lebendig.
Bleibt gesund und wach!




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