Hidden Champions
- 19. Juli
- 3 Min. Lesezeit

Vor ein paar Tagen lief im Radio mal wieder ein Bericht über die deutsche Wirtschaft. Werksschließungen, Stellenabbau, sinkende Wettbewerbsfähigkeit – die Nachrichten klingen inzwischen fast wie eine Dauerschleife. Und dann fiel dieser Satz:
“Zum Glück haben wir ja noch unsere Hidden Champions.”
Ein Begriff, den wahrscheinlich jeder schon einmal gehört hat.
Als ich den Begriff „Hidden Champion“ hörte, musste ich plötzlich an jemanden denken, der im Wald nach einem versteckten Champignon sucht. Verrückt, ich weiß. Aber je länger ich darüber nachdachte, desto passender wurde das Bild.
Gemeint sind Unternehmen, die kaum jemand kennt und die trotzdem in ihrer Nische zu den Besten der Welt gehören. Weltmarktführer, von denen man noch nie gehört hat.
Je länger ich darüber nachgedacht habe, desto spannender fand ich allerdings gar nicht diese Unternehmen. Sondern den Begriff selbst.
Hidden Champion
Warum eigentlich „hidden“? Warum sind unsere Champions versteckt?
Natürlich ist das zunächst einmal eine wirtschaftliche Beschreibung.
Der Begriff wurde von dem deutschen Wirtschaftswissenschaftler Hermann Simon geprägt. Gemeint sind Unternehmen, die in ihrer Nische oft Weltmarktführer sind, aber die außerhalb ihrer Branche kaum jemand kennt. Diese Unternehmen produzieren Spezialmaschinen, Industriekomponenten oder hochkomplexe Technologien, die der normale Verbraucher nie zu Gesicht bekommt. Deshalb kennt sie kaum jemand. Und trotzdem habe ich das Gefühl, dass dieser Begriff erstaunlich gut zu Deutschland passt. Denn wir scheinen Erfolg irgendwie grundsätzlich lieber im Verborgenen zu mögen. Wir freuen uns zwar über Leistung. Aber bitte nicht zu laut.
Man arbeitet hart, entwickelt großartige Produkte, baut erfolgreiche Unternehmen auf – und wenn jemand fragt, wie es läuft, lautet die Antwort oft:
“Ach, ganz gut.”
Nicht übertreiben, nicht angeben, nicht zu viel Aufmerksamkeit. Fast so, als müsse man sich für den eigenen Erfolg entschuldigen. Mir sagte mal ein guter Bekannter und sehr erfolgreicher Musikproduzent:
„In Deutschland ist es oft angenehmer, unterschätzt als bewundert zu werden.“
Das beschreibt erstaunlich viel. Man sieht das nicht nur bei Unternehmen.
Der Unternehmer fährt lieber einen gebrauchten Passat als einen Ferrari.
Der Künstler sagt lieber: “War nur Glück.”
Der Arbeitnehmer entschuldigt sich fast dafür, wenn er befördert wird.
Selbst beim Eigenlob beginnt man oft mit: “Klingt jetzt vielleicht arrogant…”
In den USA wäre das teilweise genau umgekehrt. Dort gehört es fast zum guten Ton, die eigene Geschichte zu erzählen und sich sichtbar zu machen.
Dort heißt es: „If you’ve got it, show it.“
Bei uns heißt es eher: „Mach dich nicht wichtiger als du bist.“
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum es ausgerechnet hier so viele Hidden Champions gibt. Familienunternehmen, die seit Generationen lieber ihre Produkte verbessern als ihre Außenwirkung. Die mehr Geld in Forschung investieren als in Werbekampagnen. Die lieber Weltmarktführer werden als Influencer.
Daran ist zunächst einmal überhaupt nichts falsch. Im Gegenteil.
Diese Bodenständigkeit ist wahrscheinlich sogar eine unserer größten Stärken.
Und trotzdem frage ich mich, ob dahinter nicht noch etwas anderes steckt.
Denn dieses Verstecken begegnet mir nicht nur bei Unternehmen.
Ich kenne Menschen, die unglaublich viel können und trotzdem ständig ihre eigenen Leistungen kleinreden.
Da wird aus einer außergewöhnlichen Karriere plötzlich “ein bisschen Glück”.
Aus jahrelanger harter Arbeit wird “war gar nicht so besonders”.
Aus Erfolg wird Zufall.
Ich ertappe mich übrigens selbst regelmäßig dabei.
Erfolg finde ich schön, aber ich muss ihn nicht unbedingt zeigen.
Lieber ein Hidden Champion - vielleicht kennen viele dieses Gefühl.
Denn sichtbar zu sein bedeutet auch, angreifbar zu werden.
Wer sich zeigt, kann kritisiert werden.
Wer erfolgreich ist, weckt Neid.
Wer stolz auf etwas ist, läuft Gefahr, als arrogant zu gelten.
Also bleibt man lieber etwas kleiner, etwas leiser, etwas versteckter.
Wenn ich dann in andere Länder schaue, wirkt das oft ganz anders.
Dort wird Erfolg selbstverständlich erzählt, gefeiert und manchmal sogar regelrecht inszeniert. Nicht immer sympathisch, aber oft mit einer Selbstverständlichkeit, die uns Deutschen fremd ist. Hierzulande scheint Bescheidenheit fast zum guten Ton zu gehören. Und vielleicht ist sie das auch. Die eigentliche Frage ist nur:
Wo endet Bescheidenheit – und wo beginnt das Verstecken?
Denn möglicherweise gibt es nicht nur Unternehmen, die Hidden Champions sind.
Vielleicht sind wir Deutschen es manchmal selbst. Menschen mit Fähigkeiten, Erfahrungen und Erfolgen, die sie lieber kleinreden als sichtbar machen.
Nicht, weil sie nichts erreicht hätten. Sondern weil sie gelernt haben, dass man über Erfolge besser nicht zu laut spricht.
Vielleicht täte uns manchmal ein wenig mehr Mut zur Sichtbarkeit gut.
Nicht aus Eitelkeit. Sondern aus Wertschätzung für das, was wir geschaffen haben.
Denn wer seine Leistung ständig versteckt, darf sich irgendwann nicht wundern, wenn sie niemand mehr sieht.
Am Ende sieht man sich selbst und seinen eigenen Wert gar nicht mehr.
Bleibt gesund und wach!




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