Ich muss nirgendwo bleiben
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Da stellt sich dem aufmerksamen Leser direkt die Frage, die auch mir in den Sinn gekommen ist: “Wo ist dieses Nirgendwo?”
Die Antwort kam genauso schnell in meinen Kopf wie die Frage:
“Der einzige Ort, an dem du immer bleiben musst, ist bei dir.”
Dies ist mein 190. Artikel. Und es wird mein letzter sein.
Vor ziemlich genau sechs Jahren habe ich angefangen, meine Gedanken hier aufzuschreiben und in meinem Podcast darüber zu sprechen. Den Podcast habe ich nach 300 Folgen beendet. Nicht, weil mir nichts mehr eingefallen wäre. Nicht, weil er mir keinen Spaß mehr gemacht hätte.
Es war einfach genug.
Und genauso fühlt es sich jetzt mit diesem Blog an.
189 Artikel liegen hinter mir. Über das Leben, die Arbeit, Geld, Beziehungen, Freiheit, das Älterwerden und wahrscheinlich noch über hundert andere Dinge, die mich in diesen sechs Jahren beschäftigt haben.
Ich habe gerne geschrieben. Sehr sogar.
Aber jetzt ist gut.
Vielleicht passt dieses Ende gerade deshalb so gut zu mir, weil mich ein Gedanke in letzter Zeit immer stärker begleitet:
Das Loslassen
Ich verkaufe gerade die letzten Dinge aus meinem früheren Studio. Die Sahnestücke, die ich über all die Jahre aufgehoben habe. Geräte, bei denen ich immer dachte: Die brauche ich bestimmt noch einmal.
Brauche ich aber nicht.
Und plötzlich merke ich, wie gut es sich anfühlt, auch diese Dinge gehen zu lassen.
Überhaupt zieht sich das Loslassen gerade durch viele Bereiche meines Lebens. Durch Arbeit und Projekte. Durch Beziehungen. Durch Verantwortung. Durch Dinge, von denen ich lange dachte, dass sie irgendwie zu mir gehören.
Vielleicht habe ich irgendwann verstanden, dass etwas nicht deshalb bleiben muss, nur weil es einmal wichtig war.
Das Studio war wichtig.
Der Podcast war wichtig.
Dieser Blog war wichtig.
Menschen waren und sind wichtig.
Orte sind wichtig.
Aber Wichtigkeit und Dauerhaftigkeit sind nicht dasselbe.
Vor einiger Zeit habe ich hier einen Artikel über den „modernen Nomaden“ geschrieben.
Der Gedanke beschäftigt mich bis heute.
Ich bin gerne unterwegs. Ich mag Hotels, andere Städte und andere Länder. Ich mag es, morgens aufzuwachen und für einen kurzen Moment nicht genau zu wissen, wo ich eigentlich bin.
Aber genauso gerne bin ich zu Hause.
Es geht mir gar nicht darum, ständig weiterzuziehen.
Vielleicht besteht Freiheit für mich überhaupt nicht darin, überall sein zu können.
Vielleicht besteht Freiheit darin, nirgendwo bleiben zu müssen.
Das ist ein großer Unterschied.
Ich kann einen Ort lieben, ohne mich an ihn zu ketten. Ich kann irgendwo Jahre verbringen und trotzdem irgendwann weiterziehen. Und ich kann Deutschland als mein Zuhause betrachten, ohne daraus abzuleiten, dass es für den Rest meines Lebens mein Zuhause bleiben muss.
In diesem Zusammenhang habe ich zuletzt das Buch „Staatenlos“ von Christoph Heuermann gelesen.
Darin geht es viel um Staaten, Wohnsitze, Steuern und darum, sein Leben über verschiedene Länder hinweg zu organisieren. Ein großes Thema bei Christoph Heuermann ist dabei die steuerliche Optimierung. Natürlich freue auch ich mich, wenn ich nicht mehr Steuern bezahle als nötig. Wer tut das nicht?
Aber das ist gar nicht das, was mich an dem Konzept „Staatenlos“ am meisten reizt.
Mich reizt die Beweglichkeit.
Ich fühle mich nicht besonders stark einem Land zugehörig. Natürlich ist Deutschland meine Heimat. Ich bin hier geboren, habe den größten Teil meines Lebens hier verbracht und lebe auch heute gerne hier. Doch manches, was sich politisch und gesellschaftlich entwickelt, gefällt mir nicht. Manche Tendenzen machen mir sogar Sorgen.
Das bedeutet nicht, dass ich morgen meine Koffer packen möchte.
Ich möchte nur wissen, dass ich es könnte.
Ich möchte reisen können. Ich möchte woanders leben können. Ich möchte bleiben können, solange ich gerne bleibe – und gehen können, wenn ich nicht mehr bleiben möchte.
Nicht aus Angst.
Sondern aus Freiheit.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum mir Loslassen inzwischen so viel Freude bereitet.
Denn jedes Loslassen schafft Platz.
Solange in meinem Lagerraum noch Studioreste rumliegen, ist da immer auch ein Teil meines alten Lebens.
Solange ein Projekt weiterläuft, braucht es Aufmerksamkeit.
Solange man etwas festhält, trägt man es mit sich herum.
Und manchmal merkt man erst, nachdem man etwas losgelassen hat, wie schwer es eigentlich geworden war.
Ich weiß nicht genau, was den Platz einnehmen wird, der gerade entsteht.
Das finde ich inzwischen aber gar nicht mehr schlimm.
Vielleicht muss nicht jede Lücke sofort wieder gefüllt werden.
Vielleicht darf da auch einfach mal Platz sein.
Für eine Reise. Für einen Menschen. Für eine Idee. Für ein neues Projekt. Oder einfach für einen Morgen irgendwo, an dem noch gar nicht feststeht, was daraus wird.
Und damit sind wir wieder bei diesem Blog.
Sechs Jahre.
300 Podcastfolgen.
190 Artikel.
Es hat mir unglaublich viel Freude gemacht, meine Gedanken zu teilen. Und natürlich freue ich mich über jeden, der mir in all den Jahren zugehört, meine Texte gelesen, mir geschrieben, widersprochen oder einfach ein Stück meines Weges begleitet hat.
Aber ich möchte nicht weitermachen, nur weil ich einmal angefangen habe. Das ist ein altes Muster, das ich viel zu oft gelebt habe.
Vielleicht ist das sogar eine der schönsten Erkenntnisse der vergangenen Jahre:
Man darf etwas lieben und trotzdem gehen.
Man darf dankbar zurückschauen, ohne zurückgehen zu wollen.
Und man muss nicht warten, bis etwas schlecht geworden ist, um damit aufzuhören.
Manchmal darf man einfach sagen:
Es war eine gute Zeit.
Und jetzt ist gut.
Was als Nächstes kommt, weiß ich nicht genau.
Aber vielleicht muss ich das auch gar nicht wissen.
Denn wenn ich in den vergangenen Jahren etwas gelernt habe, dann dies:
Freiheit bedeutet für mich nicht, überall sein zu können.
Freiheit bedeutet, nirgendwo bleiben zu müssen.
Fast nirgendwo. Denn einen Ort gibt es, an dem ich bleiben werde:
Bei mir.
Bleibt gesund und wach!




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