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Die beschleunigte Entschleunigung (langsam lieben in einer schnellen Welt)

  • 20. Dez. 2025
  • 3 Min. Lesezeit


Neulich war ich mal wieder im Gespräch mit einer guten Freundin. Eigentlich ein ganz normales Gespräch, wie wir es öfter führen, und wie so oft landeten wir irgendwann auch bei den Kindern. Ihre beiden Kinder sind schon etwas älter als meine, und die ersten festen Beziehungen sind im Gange. Dabei ist ihr aufgefallen, dass beide sich erstaunlich ruhig durchs Beziehungsleben manövrieren. Kein Reinwerfen, kein vorschnelles Etikettieren, kein „Das ist jetzt mein Freund“, nur weil man sich ein paar Mal getroffen hat. Stattdessen: vorsichtiges Annähern, Abwägen, Beobachten. Nähe entsteht langsam. Und wenn, dann bewusst.


So völlig anders als bei uns damals. Wie schnell hat man sich doch einfach mal in die eine oder andere Beziehung geworfen und vorschnell bekannt gegeben: „Das ist jetzt meine neue Freundin“ oder „mein neuer Freund“. Die amtliche Frage „Willst du mit mir gehen?“ wurde meist direkt vor Ort beantwortet – und das Ergebnis dann auch direkt gelebt, ohne größeres Abwägen.

Nicht so heute. Und das hat mich überrascht. Nicht, weil es falsch wirkte – sondern weil es so gar nicht zu dem Bild passt, das wir ständig von „der Jugend“ zeichnen.


Schnell im Außen, langsam im Innen


Der Jugend wird ja gern unterstellt, sie sei oberflächlich, rastlos, dopamingetrieben. Alles müsse sofort passieren, am besten gleichzeitig und mit möglichst wenig Tiefe. TikTok, Instagram, YouTube & Co. – immer schneller, immer kürzer, immer lauter. Und überhaupt: „Wie soll aus denen denn was werden?“ – ein Satz, den die ältere Generation schon immer über die jüngere gesagt hat.

Und ja, dieses Tempo gibt es. Ohne Frage. Aber vielleicht übersehen wir etwas Entscheidendes:Diese Schnelligkeit findet vor allem im Außen statt.

Im echten Leben, in der realen Begegnung, scheint sich gerade etwas anderes zu entwickeln. Etwas Ruhigeres. Vorsichtigeres. Fast schon Altmodisches – im besten Sinne.

Während wir früher oft einfach reingesprungen sind, Beziehungen definiert haben, bevor wir überhaupt wussten, wen wir da eigentlich vor uns haben, wirkt es heute stellenweise genau umgekehrt: weniger Besitzanspruch, weniger Eile, mehr Beobachtung und bewusstere Entscheidungen.


Wenn ich ehrlich bin, war Beziehung früher oft ein Versuch-und-Irrtum-Prinzip – neudeutsch „Trial & Error“. Man traf sich, es knisterte ein bisschen, und zack – war man zusammen. Nähe entstand schnell, körperlich wie emotional. Ob das wirklich gepasst hat, zeigte sich dann später.

Das war nicht besser oder schlechter. Es war einfach die Zeit. Weniger Ablenkung, weniger Alternativen, weniger Vorfilter.

Heute ist alles verfügbar – jederzeit. Und vielleicht genau deshalb wird das Reale wieder kostbarer.


Die Lust auf schnelle Reize wird heute zu großen Teilen digital gestillt. Unterhaltung, Bestätigung, Kontakt – alles ist nur einen Klick entfernt. Dopamin gibt es jederzeit und in rauen Mengen.

Und vielleicht passiert genau hier etwas Spannendes:Wenn schnelle Befriedigung überall verfügbar ist, verliert sie im echten Leben an Bedeutung.

Nähe muss nicht mehr sofort alles liefern. Beziehung wird nicht mehr benutzt, um Leere zu füllen, sondern darf wachsen. Vielleicht führt die Dauerbeschleunigung im Digitalen paradoxerweise dazu, dass echte Begegnung entschleunigt wird.


Ich sehe Ähnliches auch bei meinen eigenen Kindern. Sie haben noch keine Liebesbeziehungen, aber sie sind sehr selektiv in ihrer Freundeswahl. Nicht viele, aber dafür echte Kontakte.

Der schnelle Teil ihres Lebens findet oft online statt – beim Gaming, über Headsets, im Austausch während des Spielens. Das ist schnell, laut, dynamisch. Und trotzdem: Selbst dort entstehen zunehmend tiefere Gespräche.

Wenn sie sich jedoch treffen, ist es fast ausschließlich analog. Die Handys und iPads spielen nur eine nebensächliche Rolle. Man ist da. Wirklich da.

Es wirkt, als gäbe es eine klare Trennung zwischen digitaler Geschwindigkeit und realer Präsenz. Und diese Präsenz wird geschützt.


Vielleicht liegt darin eine neue Form von Reife

Vielleicht ist die Jugend nicht beziehungsunfähiger geworden.Vielleicht ist sie einfach vorsichtiger. Mündiger. Bewusster.


Nicht alles, was langsam ist, ist unsicher. Und nicht alles, was schnell ist, ist lebendig. Möglicherweise erleben wir gerade eine leise Gegenbewegung: eine Generation, die in einer überreizten Welt gelernt hat, dass echte Nähe wertvoll ist – und Zeit braucht. Und dass nicht jede Verbindung sofort definiert werden muss. Ich habe darauf keine endgültige Antwort. Nur eine Beobachtung. Aber sie fühlt sich stimmig an.


Vielleicht ist Entschleunigung kein Rückschritt. Vielleicht ist sie eine gesunde Reaktion.

Und vielleicht lernen wir gerade von einer Generation, die wir allzu gern unterschätzen, dass man in einer schnellen Welt nicht schneller lieben muss – sondern bewusster.

Ich bin jedenfalls optimistisch, was die Zukunft der Generation Z angeht. Und ich habe das Gefühl, dass viele der Untergangsszenarien mehr über unsere eigenen Ängste aussagen als über diese jungen Menschen.


Bleibt gesund und wach!

 
 
 

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