Ein Stein


Als ich vorhin aus dem Pool kam und mich in die Sonne legte, schaute ich die ganze Zeit auf einen Stein, der bei uns auf der Terrasse liegt. Je mehr ich den anschaute, um so mehr erkannte ich die Vielfalt auf diesem Stein: das Glitzern in der Sonne, die geschwungenen Linien, die Farbnuancen und vieles mehr. Ist wirklich unglaublich, wie sich banale Dinge verändern, wenn man versucht sie wertfrei wahr zu nehmen.


Oh je - was wird dass denn für ein Wort zum Sonntag?! Poetisch oder einfach nur beknackt….keine Ahnung. Der Stein hat mich auf jedenfall mit jeder Sekunde mehr fasziniert und das zog sich danach dann auf alles, was ich hier auf unserer Terrasse so wahrgenommen habe. Ich glaube unser Verstand spielt uns da auch wieder einen Streich. Sobald er weiß, um was es sich handelt, bekommt das ganze einen Namen und ist abgehakt. Man schaut es sich gar nicht mehr an - man weiß ja, was es ist. Aber weiß man das wirklich?


Wie entsteht so ein Stein eigentlich? Gute Frage - irgendwas mit Gebirge, Wasser und tausende von Jahren schwirrt mir durch den Kopf, mehr aber auch nicht. Ganz schön billig, dass ganze dann einfach als “bekannt” abzutun. So ist das mit ganz schön vielen Dingen - gerade im Alltag. Sieht bzw. hat man ja jeden Tag - kann ja nichts besonderes sein. Wieviele Dinge, die man heute als selbstverständlich erachtet, hätte man sich vor einigen Jahren noch sehnlichst gewünscht. Bei mir ist das ne ganze Menge. Und wenn es dann da ist - ist es quasi wieder weg, ist halt normal.


Seit meinem Stein-Erlebnis, kann ich den Sonntag heute viel besser genießen. Ich sitze hier zwar ziemlich oft, aber heute ist das alles irgendwie anders. Die Bäume, die Vögel, der Tisch - alles nur Worte, aber wenn man die Dinge mal wirklich anschaut und in ihrer Ganzheit erfasst - wow! Nur falls die Frage aufkommt: Nein, ich habe keine Drogen genommen ;-)


Die zweite Sache, die mich heute seit langem wieder beschäftigt hat, ist das “nackt sein”. Als ich in den Pool gehen wollte, hatte ich schon reflexartig meine Badehose wieder in der Hand und wollte sie gerade anziehen. Und dann dachte ich kurz darüber nach: Wieso willst Du das Ding eigentlich anziehen? Die ist total ausgeleiert und nervt beim Schwimmen eigentlich nur. Die Kinder gehen auch meistens nackt in den Pool - hab ich dann auch gemacht…und seit langem mal wieder festgestellt, wieviel besser sich das anfühlt. Wer mich kennt, weiß was jetzt kommt:


Was haben wir eigentlich für ein Problem mit dem “nackt sein”?


Ich meine nackt sind wir, wer wir wirklich sind - so sind wir auf die Welt gekommen, dass ist der Mensch. Jede Unterhose ist schon bereits erfunden und gehört nicht wirklich dazu. Wie haben wir uns eigentlich anerziehen lassen, dass wir nicht so gut sind, wie wir sind. Wir genieren uns für uns selbst. Da denkt man ja eigentlich nicht mehr drüber nach, ist selbstverständlich - aber doch irgendwie krank, oder? Wahrscheinlich fängt da schon einer der unterbewussten Komplexe an, die uns das Leben schwer machen. Ich kann mich noch erinnern, als mein Sohn noch ganz klein war. Wir waren bei meiner Mutter und sie hatte auf ihrer Terrasse ein kleines Planschbecken aufgebaut. Unser kleiner ist dann nackt um die Ecke gelaufen und da stand die kleine Tochter von der Familie aus dem ersten Stock - vielleicht 6 oder 7 Jahre alt. Als sie unseren Sohn nackt sah, rutsche ihr spontan raus: “Wie peinlich”. Was passiert da mit uns? Ganz kleinen Kindern ist das noch völlig egal und sie lieben es nackt zu sein - da haben wir ja auch nichts gegen. Ab wann fängt das an, peinlich zu werden - und wieso? Diese Frage schleppe ich schon viele Jahre mit mir rum, hab aber noch keine Antwort darauf gefunden. Vielleicht ist das meine Lebensaufgabe? ;-)


Hatte das Thema schon vor einiger Zeit mal auf dem Schirm und mir überlegt, wenn ich 50 werde (ist nächstes Jahr), feier ich mal eine Nacktparty. Ob ich mich das traue, weiß ich nicht, aber spannend wäre es bestimmt. Wie ist dass dann? Alle total verklemmt und jeder versucht möglichst nicht gesehen zu werden, oder läuft das ganze völlig normal ab? Würde ich wirklich gerne herausfinden - wenn ich das wirklich mache, gibt’s einen Blog und Podcast dazu (nein, kein Video und auch keine Fotos - nachher wird meine Webseite dann noch als Jugendgefährdend eingestuft ;-)). Der zivilisierte Mensch ist doch hier und da etwas sonderbar - aber trotzdem liebenswert.


Bleibt gesund und wach!


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