Gehen lassen (oder der Weg ins Glück)


Nachdem die letzten Wochen recht turbulent waren, komme ich nun endlich dazu mal wieder etwas zu schreiben und auch zu podcasten. Seit Beginn von MisarWunderbar begleitet mich ein Thema stetig - und zwar meine an Demenz erkrankte Mutter. Immer wieder habe ich mir hier ein wenig Schmerz und Trauer von der Seele geschrieben und geredet - ich habe gerade noch einmal selbst nachgeschaut und festgestellt, dass vier Artikel sich maßgeblich mit diesem Thema beschäftigt haben (Einfach nur vergessen, Völlig vergessen, Heimweh und Weg ins Glück). Über den Krankheitsverlauf möchte ich mich hier nicht nochmal auslassen - im Gedanken-Podcast etwas mehr dazu.


Eine gute Freundin von mir, die ihre Mutter vor Jahren auf diesem Weg begleitet hatte, sagte vor langer Zeit zu mir: „Der einzige Vorteil der Demenz ist, dass man sich schon auf Raten verabschiedet und es am Schluss - trotz allen Schmerzes - auch etwas erlösendes hat.“ Das kann ich nur voll und ganz bestätigen. Auch wenn meine Mutter ihre engsten Familienmitglieder und Freunde bis zum Schluss erkannt hat - richtig zuordnen konnte sie sie nicht mehr. Und so war jeder Besuch immer wieder ein Stück Abschied nehmen und von einer gewissen Schwere begleitet. Sie saß schon seit einem guten Jahr im Rollstuhl, da sie nicht mehr wusste wie man läuft und gegen Ende hat sie auch vergessen, wie man isst. Und so kam es dann, dass Sie immer mehr abgenommen hat, im Bett lag und am Schluss auch nicht mehr sprechen konnte. Am 16. März 2022 um 18.11 Uhr verstarb meine Mutter in meinem Beisein. Es war ein sehr bewegender Moment für mich - habe ich bis zu diesem Tag noch nie einen Sterbenden begleitet, geschweige denn einen Toten gesehen.


Wir haben sie ab dem Zeitpunkt, ab dem es ihr deutlich schlechter ging, jeden Tag mehrfach besucht. An besagtem Mittwoch war ich morgens bei ihr und hatte schon so ein Gefühl, dass es sicherlich nicht mehr lange dauern würde. Mittags war dann meine Frau bei ihr und ich bin so gegen 17.30 Uhr dazu gekommen. Gegen 18 Uhr ist sie dann zu den Kindern nach Hause gefahren und ich war mit meiner Mutter alleine. Ich habe sie viel berührt und ihr gut zugeredet - sie lag nur noch da mit offenem Mund und offenen Augen und atmete schwer. Gute zehn Minuten nachdem meine Frau gegangen war, wurde die Atmung immer ruhiger und der letzte Atemzug klang anders - irgendwie als wollte sie sagen: „geschafft“. Und dann war es still im Raum.


Mir fehlen die Worte um diese Stille angemessen zu beschreiben - es hatte so etwas friedliches und ihr Körper lag genau so da…mit offenen Augen und offenem Mund. Die leere Hülle meiner Mutter. Ich habe noch einige Minuten in Stille bei ihr verbracht und dann eine Schwester gerufen. Danach war ich noch eine halbe Stunde bei ihr im Zimmer und bin dann gegangen. Ich war sehr über mich selbst verwundert, wie gefasst ich war und wie gut ich meine Mutter begleiten konnte, bis der letzte Atemzug im Zimmer verhauchte - dann erfasste mich die Traurigkeit in voller Gänze und viele Bilder schossen mir durch den Kopf und Tränen durch die Augen.


Ich habe meiner Mutter schon seit längerer Zeit gewünscht, dass sie gehen darf, da das letzte Jahr für sie nicht mehr sonderlich lebenswert war. Und ja - ich habe mich über das letzte Jahr bei jedem Besuch immer ein klein bisschen verabschiedet und der 16. März war sicherlich eine Erlösung….trotzdem schmerzt es im Herzen sehr und ich frage mich immer mal wieder, ob ich nicht doch irgend etwas hätte besser machen können. Eine Antwort darauf findet man natürlich nicht und so muss ich es nun akzeptieren, wie es war. Ich habe mich in den letzten Jahren sehr oft bei ihr bedankt, da mir wichtig war, dass sie weiß was sie mir für ein gutes Leben ermöglicht hat. So möchte ich auch diesen kleinen Text hier beenden mit den letzten Worten an meine Mutter: „Danke für alles! Wir lieben Dich von ganzem Herzen“.


Bleibt gesund und wach und … genießt das Leben!


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