Heimweh


Die letzten zwei Wochen waren sehr spannend und emotional anstrengend. Wer schon gehofft hat, ich stelle das bloggen und podcasten ein ... ich muss euch enttäuschen. Ab jetzt gibt es wieder öfter was zu lesen und zu hören. Was ist passiert?


Ich hatte schon zwei Artikel über Demenz verfasst (Einfach nur vergessen und Völlig vergessen) und über den Fall einer nahen bekannten berichtet. Ich denke, ich kann jetzt etwas konkreter werden ... es handelte sich um meine Mutter. Leider hat sich die Lage so massiv verschlechtert, dass das letzte halbe Jahr zu Hause ein Wagnis war und dank guter Freunde und guter Nachbarn doch noch irgendwie funktioniert hat. Ich hatte sie im Sommer dann in allen Pflegeeinrichtungen in unserer Nähe angemeldet und vor einigen Wochen die Stufe auf „dringlich“ erhöht. Die letzten Wochen war ich dann wöchentlich bei ihr, was für uns alle aufgrund der Entfernung (ca 300 Kilometer) sehr anstrengend war. Am 7. Dezember kam der entscheidende Anruf von einer der Pflegeeinrichtungen: „Wir haben einen Platz für Ihre Mutter und sie kann zu uns kommen. Könnte Sie am Donnerstag einziehen?“ Ich war völlig verdutzt - mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Einerseits die Erleichterung und auf der anderen Seite die Schwere des Schrittes, der jetzt folgt. Natürlich teilte ich es ihr und ihren engsten Freunden gleich mit und ab da war sie völlig überfordert und durch den Wind. Ich habe den Einzugstermin dann von Donnerstag auf Montag verschoben und bin freitags zu ihr gefahren, um mit ihr die letzten Tage in ihrer eigenen Wohnung zu verbringen. Das war für mich schon sehr anstrengend, aber es hat sich gut angefühlt, sie zu begleiten und ihr meine Zeit und meine Energie zu schenken. Wir gingen gemeinsam durch einige Hochs und Tiefs und am Montag morgen war es dann soweit: Ab ins Auto uns los!


Meine Mutter hat es wirklich toll mitgemacht und auch ihre Katze war völlig friedlich und wir haben die knapp drei Stunden Fahrt gut hinter uns gebracht. Dann sind wir in der Einrichtung angekommen und meine Frau war schon vor Ort und hat die Katze mit zu uns genommen, da sie leider nicht mit in die Einrichtung konnte. Obwohl ich meiner Mutter das im Vorfeld mehrfach erklärt hatte, war das der erste Schock für sie. Der zweite folgte dann beim betreten der Einrichtung und des Zimmers....ich gebe zu: auch für mich ein Schock. Eben noch in einer schönen Wohnung und drei Stunden später im Zweibettzimmer. Sie hat das aber alles gut mitgemacht und hingenommen. Ich war dann noch lange bei ihr und wir haben viel geredet. Am frühen Nachmittag bin ich dann gefahren und war nach den letzten Tagen wirklich froh, als ich mich auf die Couch legen konnte. Meine Frau ist dann zu meiner Mutter gefahren und kam abends wieder ... mit Tränen in den Augen, als sie die Situation erkannt hat. Was für ein Schlag an einem Tag - raus aus einer schönen, vertrauten Wohnung - hinein in ein Zweibettzimmer...und die Katze auch noch weg. Trotz allem habe ich sehr gut geschlafen, da ich seit Monaten endlich wieder Sicherheit hatte, dass meine Mutter gut versorgt ist und ich keine Anrufe mitten in der Nacht oder am frühen Morgen bekommen würde.


Der ernüchternde Anruf kam dann allerdings am nächsten Morgen von meiner völlig aufgelösten Mutter: Sie hatte die ganze Nacht nicht geschlafen und wollte sofort nach Hause. Nach anfänglicher Hinnahme wurde ihr klar, was das ganze jetzt bedeutet. Ich war dann wieder fast den ganzen Tag bei Ihr und wir sind die ganze emotionale Achterbahn mehrfach gefahren. Mittags habe ich sie dann doch dazu bekommen, sich hinzulegen und sie hat zwei Stunden gedöst, während ich bei ihr war. Und die zweite Nacht kam, in der ich wieder gut geschlafen habe und meine Mutter.....auch gut. Na Gott sei Dank! Seit dem fahren wir wieder die emotionale Achterbahn, allerdings etwas langsamer und vielleicht nur noch einmal am Tag. Erschwert wird das ganze natürlich durch die Corona-Krise, durch die wir meine Mutter aktuell nicht abholen und auch nur mit maximal zwei Personen besuchen dürfen. Inzwischen klappt das aber ganz gut und wir haben uns eingewöhnt. Die dauernde Testerei nervt zwar, aber es gibt schlimmeres. Über Weihnachten war meine Mutter in der Einrichtung und wir haben Sie jeden Tag besucht - immer im Wechsel: Einmal ich mit unserer Tochter und dann meine Frau mit unserem Sohn. Die Weihnachtsfeier hat ihr sehr gut gefallen, aber bleiben möchte sie dort immer noch nicht (was ich auch nach wie vor verstehen kann).


Das tückische an dieser Krankheit bei meiner Mutter ist, dass Sie schon noch in der Lage ist, Kleinigkeiten zu erledigen - allerdings nicht mehr alleine zurecht kommt. Auf gut Deutsch ist sie zu fit um jetzt den Rest der Tage in so einem Heim zu bleiben, aber zu krank um alleine zu wohnen. Man merkt vor allem, dass ihr der geregelte Tagesablauf. das regelmäßige essen und trinken und der andauernde Austausch mit Menschen sehr gut bekommen. So schön es zu Hause war - die Einsamkeit war der größte Feind. Dementsprechend bin ich weiterhin auf der Suche nach Alternativen - zum Beispiel einer Demenz-WG. Da hatte ich sie auch schon angemeldet und werde nach den Feiertagen wieder Kontakt aufnehmen. Hauptpunkt ist natürlich ihre Katze, die sie sehr vermisst. Wenn sie ihre Katze bei sich hätte, wäre das ganze glaube ich überhaupt kein Problem - das geht aber leider in dieser Einrichtung nicht. Ich bin aber guter Dinge, dass wir dafür auch noch eine gute Lösung finden.


Für meine Familie und speziell für mich ist das ganze eine große emotionale Bürde. Wenn man sie da so sitzen sieht, denkt man sich immer: „Was tust Du ihr da an?“ Dann rufe ich mir aber die letzten Monate in Erinnerung, in denen ich fast täglich Hilferufe von meiner Mutter, Nachbarn oder Freunden bekommen habe. Und ich bin mir ganz schnell wieder sicher: Es ist auf jedenfall die richtige Entscheidung, sie in eine Betreuung zu geben und nicht mehr alleine wohnen zu lassen. Auch die Nähe zu uns ist für alle ein Gewinn. Das bestätigen mir auch immer wieder alle Freunde meiner Mutter, die die letzten Monate miterlebt haben. Jetzt hoffe ich mal, dass wir es meiner Mutter so angenehm wie möglich machen können und die Wogen des Schocks sich nach und nach glätten. Ich bin guter Dinge, dass uns das gelingen wird und ja: ich schlafe seit fast zwei Wochen endlich wieder gut, da ich sie rund um die Uhr versorgt weiß. Ich werde berichten, wie es weiter geht. Mein Dank an alle Mitarbeiter in den Pflegeeinrichtungen - man weiß das erst richtig zu schätzen, wenn man selbst betroffen ist.


Bleibt gesund und wach!


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