Mein erster Zahn


Wer erinnert sich noch an dieses wundervoll schmerzliche Ereignis des ersten Zahnes? Also an meinen Eigenen erinnere ich mich nicht, an die ersten Zähne meiner Kinder allerdings schon. Das ein oder andere nächtliche Geschrei, da die kleinen Biester (ich meine die Zähne) sich den Weg durch das Zahnfleisch ins freie kämpfen. Und natürlich der neugierige Blick der Eltern, wenn das Weiße mehr und mehr unter dem Rosarot sichtbar wird. Der menschliche Körper bleibt mit all seinen Facetten von der Geburt bis zum Tod wirklich ein Wunder.


Kommen wir von diesem ersten Zahn, der das Licht der Welt erblickt, zu dem ersten Zahn, der nach jahrelangen, treuen Diensten, seinen Körper verlässt. So erging es mir letzten Dienstag (die Milchzähne lasse ich jetzt mal außen vor und die Weisheitszähne auch). Nach knapp 40 Jahren im Dienst, verabschiedete sich mein erster Zahn - allerdings nicht freiwillig, sondern er wurde gezogen. Ob es die richtige Entscheidung war …. keine Ahnung, aber ein paar mehr Details:


Meine Zähne sind wirklich in sehr gutem Zustand, obwohl ich nicht gerade ein übertriebener Zahnhygieniker bin. Im Gegenteil - die ersten 25 bis 30 Jahre meines Lebens habe ich eher rudimentär gepflegt. Einmal am Tag die Zähne putzen war da die Regel. Natürlich habe ich regelmäßig den Zustand der Kauleiste checken lassen und es war immer alles in Ordnung, bis auf… wie sagte mein Zahnarzt vor Jahrzehnten einmal so schön: “Ihre Zähne sind in Ordnung, aber das Zahnfleisch muss raus.” - mit anderen Worten Paradontitis. Die hielt sich aber immer sehr in Grenzen, so dass ich mit regelmäßiger Pflege (ab da wurde ich etwas umsichtiger) keine Probleme hatte. Bis heute - mit meinen fast 49 Jahren - habe ich noch kein einziges Loch, wurde nie gebohrt, geschliffen, gefüllt oder gezogen. Lediglich die Weisheitszähne, die damals quer im Kiefer lagen, wurden ambulant entfernt - da war ich so um die 20 Jahre alt. Das Schlimmste seit dem war eigentlich immer nur die professionelle Zahnreinigung, die ja nun wirklich ein Klacks ist. Das war bis vor ca. drei Monaten so. Da fing es so langsam an, dass mein hinterer Backenzahn kälteempfindlich wurde. Zunächst nichts dabei gedacht, habe ich gut geputzt, Zahnseide benutzt und ab und zu gespült. Leider wurde es nicht besser und mit der Zeit wurde er auch noch druckempfindlich. War alles auszuhalten, aber gemerkt hat man ihn und so habe ich bei der nächsten Kontrolle dieses einmal angemerkt, worauf geröntgt wurde und siehe da: Eine Karies hatte sich in diesen Zahn unbemerkt durch die Zahnzwischenräume eingeschlichen. Tja - was tun? Leicht wackelig war dieser Zahn schon länger und die Aussicht auf eine Kariesbehandlung mit bohren, schleifen, füllen und Wurzelkanalbehandlung sprach nicht gerade für den längeren Erhalt meines geliebten Zahnes. Auf die Frage der Ärztin: “Sollen wir es direkt machen oder möchten sie einen separaten Termin?” habe ich dann doch letzteres gewählt, um nochmal in Ruhe mit meinem Zahn “zu sprechen”. Am nächsten Tag war ich mir dann sicher: Unsere Wege trennen sich jetzt. Also einen Termin für letzten Dienstag gemacht und los ging es.


Ich muss zugegeben, dass mir schon etwas mulmig zu Mute war, als ich am Dienstag so gegen 11.30 Uhr in die Zahnarztpraxis meines Vertrauens ging. Gott sei Dank arbeitet meine Frau dort und sie hielt selbstverständlich - wie bei der Ehe ja schon geschworen - in guten wie in schlechten Zeiten zu mir. Zunächst gab es eine Betäubung und da ist mir mal wieder aufgefallen, was die Medizin heute doch alles kann. Zwei kleine Piekser ins Zahnfleisch und zehn Minuten später kann man mit schwerem Gerät an den Zähnen Bauarbeiten verrichten, bei denen man normalerweise den Arzt reflexartig zu Boden gestreckt hätte. Nach recht kurzer Zeit war das Ding dann draußen - war für ein Riesenteil. Unglaublich, wie groß solche Zähne doch sind. Da lag er nun, mein treuer Kamerad nach gut 40 Jahren treuen Diensten. Zugegebener Maßen sah er nicht mehr ganz so appetitlich aus, war die Karies doch gut zu erkennen. Wundkompresse in den Mund, zwei Schmerztabletten zur Sicherheit in die Hand und fertig war die ganze Nummer. Ich war schon auf dem Sprung, da fragte meine Frau, ob ich den Zahn nicht mitnehmen und den Kindern zeigen wollte. Wir hatten das Thema Zahnarzt nämlich am Abend zuvor thematisiert. Mist - jetzt hatte ich mein Zahndöschen doch tatsächlich zu Hause vergessen, also den Zahn in ein kleines Tütchen gepackt und mitgenommen.


Die Kinder haben sich das gute Stück am Abend kurz angeschaut und mit den Worten: “Ist ja schon ein bisschen eklig” abgetan. Na gut, dann halt nicht. Übernacht lag der Zahn zwar nicht unter meinem Kopfkissen, dafür aber im Schlafzimmer - die Zahnfee hat aber leider nichts gebracht. Das ganze ist jetzt zwei Tage her und ich merke die Wunde immer noch recht gut - ist jetzt nicht dramatisch, aber doch gut spürbar. Die zwei Schmerztabletten habe ich jeweils für die letzten beiden Nächste geopfert - mal sehen, ob ich heute Nacht noch einmal eine nehme. Irgendwie ist es schon ein komisches Gefühl, den ersten Zahn jetzt verloren zu haben. Gefühlt ist das der Anfang vom Verfall - ich weiß, medizinisch begann der schon früher, aber jetzt wird es das erste mal deutlich fühl- und sichtbar. Den Zahn habe ich übrigens aktuell noch bei mir in der Hosentasche … ich habe es noch nicht über’s Herz gebracht, ihn wegzuwerfen - war er doch so lange ein Teil von mir und die Hoffnung auf die Zahnfee hab ich auch noch nicht ganz aufgegeben. Wird wahrscheinlich doch noch ein längerer Trennungsprozess.

Bleibt gesund und wach


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