Was ich will


Die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr - kurz auch „zwischen den Jahren“ genannt - hat für mich eine ganz besondere Bedeutung. Ich bin weder besonders religiös (eigentlich gar nicht) noch fiebere ich daraufhin, das neue Jahr zu beginnen und das alte hinter mir zu lassen - nein, in dieser Woche bin ich immer im absoluten „Chill-Modus“. Es wird morgens länger geschlafen, wir nehmen unsere Mahlzeiten meist gemeinsam ein, es wird viel gespielt, gelacht, gelesen und abends gehen wir auch später ins Bett als sonst. Dementsprechend sprechen wir auch noch mehr miteinander, als wir das eh schon machen. Heute morgen beim Frühstück landeten wir dann irgendwann beim Thema:


„Jeder kann werden, was er will!“


Wer kennt sie nicht: Diese Millionen von Ratgebern, Coaches und Seminaren nach dem Motto „Du kannst alles schaffen“, „Alles ist möglich“, „Du musst nur an Dich glauben“ - kurz „Chakalaka“!!! Selbst wenn man noch nie an so einem Seminar teilgenommen hat (was bei mir der Fall ist), so hat man zumindest schon einmal ein Video zu diesem Thema gesehen (in meinem Falle nicht nur eins). Und wer das dann einfach geglaubt und ausprobiert hat, hat auch oft feststellen müssen, dass das nicht unbedingt funktioniert. Das habe ich selbst mit mir und auch mit vielen Freunden und Bekannten erlebt beziehungsweise beobachten dürfen. In meinem Fall, war eines der maßgeblichen Theaterdarbietungen auf diesem Feld die Rolle „Ich bin der große Musikproduzent“. Rückblickend betrachtend fing das alles auf einer guten Basis - nämlich großes Interesse für Computertechnik und Musik - an. Gepaart mit den richtigen Bekanntschaften, habe ich dort auch meinen Platz zurecht gehabt, hätte allerdings rückblickend Ende der 90er Jahre damit auch einfach aufhören sollen. Ich habe das hier ja schon öfter einmal ausgeführt, deswegen jetzt nicht mehr zu meiner Theaterkarriere.


Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass es einfach nicht stimmt, dass jeder alles werden kann, was er will - so auch der Konsens unseres Frühstückgespräches. Während meine Frau und ich unsere beiden Werdegänge ein wenig Revue passieren ließen, kristallisierte sich im Gespräch dann aber eine andere Sichtweise heraus: „Ich glaube es kann doch jeder werden, was er will!“ Die entscheidende Frage dahinter ist:


„Was will ich WIRKLICH?“


Eine sehr gute Frage, auf die ich nicht sofort eine Antwort hatte. Klar kommen einem sofort ein paar Sachen in den Sinn, aber sind das Dinge und Rollen, die ich wirklich sein will oder sind die nur anerzogen und über Jahrzehnte antrainiert? Was ist der wirkliche Kern meines Selbst, meine wirklichen Bedürfnisse und Sehnsüchte? Wie wäre es, wenn man keine Erziehung und diverse Abrichtungseinrichtungen (Schulen, Unis, Ausbildungsstätten etc.) durchlaufen hätte? Alleine die Frage, die Kindern oft gestellt wird: „Was willst Du später denn einmal werden?“ impliziert doch, dass man aktuell „nichts ist“, man „muss es erst werden“. Doch was bin ich bereits und was möchte ich wirklich sein? Wenn ich für mich darüber nachdenke, komme ich inzwischen (nach 50 Lebensjahren und bestimmt 25 Jahren intensiver Beschäftigung mit mir selbst) zu folgender Erkenntnis:


Ich möchte mich in kleinen, geschützten Einheiten mit geliebten Menschen umgeben, mit denen ich alles teilen und denen ich alles geben darf.


Ich möchte immer genug Zeit für mich alleine haben, da ich diese Zeit als sehr intensiv wahrnehme und sie mir immer viel gebracht hat.


Ich möchte meine Ruhe haben von allen anderen Dingen, die nicht dazu gehören.


Als mir diese drei Punkte heute morgen klar wurden, ist mir aufgefallen, dass das der ganze Antrieb für meinen Werdegang gewesen ist. Ich wollte nie die erste Geige spielen, sondern einfach nur mit guten Freunden eine gute Zeit in geschützten Räumen verbringen und alle anderen sollten mich einfach in Ruhe lassen. Wenn ich das für mich zu Grunde lege als Essenz für das, was ich wirklich will - dann kann ich auch werden, was ich will … und ich bin es geworden. Alles darunter war nur ein Mittel zum Zweck oder eingeredete Ziele, die man angeblich erreichen muss. Diese habe ich dann - im Ende immer erfolglos - verfolgt und sie brachten mich zu der Erkenntnis, dass ich eben nicht alles sein kann, was ich will … weil ich es nicht wirklich wollte. Ich bin eben ein introvertierter Mensch, der gerne mit geliebten Menschen zusammen ist, der gerne liebt, gibt, lacht und weint. Der gerne hilft, sich helfen lässt, der in den Arm nimmt und sich gerne in den Arm nehmen lässt. Das ist alles, was ich bin und mehr möchte ich auch nicht sein und werden.


Jetzt wo ich diese Zeilen hier alleine in meinem Büro schreibe, hatte ich gerade wieder eine sehr gute Zeit für mich alleine und nachdem ich das ganze eingesprochen habe, fahre ich wieder nach Hause zu einigen meiner Liebsten Menschen, um viel Zeit mit ihnen zu verbringen. Obwohl ich kein Freund von Vorsätzen für das neue Jahr bin, ist mir eines klar: Im nächsten Jahr werde ich definitiv noch viel mehr zu dem werden, was ich wirklich bin und noch viel mehr Zeit mit geliebten Menschen verbringen.


Bleibt gesund und wach!


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